Die Realität ist nicht genug - Personalie: Ulrich Seidl

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Kurzfilme im Dezember

01.12.-19.12.
24 DAYS OF TORTURE
Ines Pagniez, Victoria Jardine

GB 2016
2:07 min

20.12.-30.12.
TURKEY
Harvey Benschoter

USA 2013
2:56 min

vor jedem Hauptfilm (ausgenommen Sonderveranstaltungen)

Die Cinémathèque Leipzig präsentiert alle Filme (soweit möglich) im Original mit Untertiteln


All films are shown in Original Version with subtitles (if possible)

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Die Realität ist nicht genug - Personalie: Ulrich Seidl

Die Realität ist nicht genug - Personalie Ulrich Seidl
Der Ruhm kam spät für Ulrich Seidl. Nur die wenigsten und zugleich die jüngsten seiner insgesamt 18 Filme sind einem breiteren Publikum bekannt. Bis heute werden seine Werke immer wieder als unmoralisch, geschmacklos, bloßstellend oder sozialpornographisch diffamiert und verrissen. Dabei geht es dem 1952 in Wien geborenen Ulrich Seidl um nichts weniger als darum, das allgemein Menschliche zu zeigen, bevorzugt (aber nicht ausschließlich) an eindrucksvollen Beispielen seiner österreichischen Landsleute. Seine Filme kreisen immer wieder um Sexualität, Religion, Macht, Kolonialismus, Konsum, Leistungsgesellschaft, Gewalt und Einsamkeit. Das Obszöne und vorgeblich Fremdartige stellt dabei die Position des Publikums grundsätzlich in Frage und hält ihm den Spiegel vor: Wir alle sind auf der Suche nach einer unerreichbaren Utopie und Antworten auf existentielle Fragen. Seidl versteht es virtuos, die Doppelbödigkeit des Normalen zu entlarven. Seine Kunst hat somit etwas zutiefst Aufklärerisches und Moralisches. Neben der radikalen inhaltlich-thematischen Fokussierung zeichnet sich Seidls Werk durch eine unverwechselbare, formal strenge Handschrift aus. Seine authentischen Protagonist*innen agieren oder erstarren in perfekt arrangierten, symmetrischen Tableaus, frei von kommentierenden Stimmen aus dem Off. Ob es sich jeweils „wirklich“ um einen Dokumentar- oder einen Spielfilm handelt, ist häufig schwer auszumachen, die Grenzen beider Formen verschwimmen. Dokumentarfilme wie IM KELLER oder TIERISCHE LIEBE haben ganz selbstverständlich auch inszenierte, fiktive Handlungsstränge, während improvisierende Laien, die in Spielfilmen wie HUNDSTAGE oder der PARADIES-Triologie auftreten, ganz bewusst nicht durch vorgeschriebene Dialoge gelenkt werden. Das „Sich-selbst-spielen“ wird für Schauspieler*innen und Protagonist*innen in beiden Erzählformen zum unumstößlichen Grundsatz. Seidl verweist damit auf das grundsätzliche Paradox des Dokumentarischen: Eine Wirklichkeit in ihrem So-Sein lässt sich nicht abfilmen, sie wird allein schon durch die Anwesenheit der Kamera zur Inszenierung. Seidl geht es um die Erfindung des tatsächlich Möglichen, wobei er gesteigerten Wert auf Glaubwürdigkeit und Authentizität der Dargestellten und der Schauplätze legt. Sein Realismus ist dem Surrealen nicht entgegen gesetzt, sondern entspricht ihm. Neben der grundsätzlichen Würdigung des Schaffens Seidls und seiner Themen legt die Personalie ihren Schwerpunkt auf die Form seines analytischen, postdokumentarischen Kinos. Um die Realität deutlich sichtbar zu machen, wählt Seidl den Weg der Überhöhung und eine artifizielle Bildsprache. Seine Antwort auf die Frage nach der Authentizität des Filmes ist im Namen der Realität von einer grundlegenden Skepsis gegenüber dem „Dokumentarischen“ gekennzeichnet.