Cinémathèque Leipzig - Archiv

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Das Archiv

zeigt alle Filme an, die seit 1998 im Programm der Cinémathèque Leipzig (vormals AG Kommunales Kino) zu sehen waren.

Möglich ist die Suche nach Film- oder Reihentitel.

Rechercheanfragen können uns gern auch per Email erreichen.

Wir bitten um Beachtung des Umstands, dass wir die gelisteten Filme nicht im Besitz haben und demzufolge auch nicht verleihen können.

 

 

frontier #8 tattoo / recorded life frontier #8 tattoo / recorded life
  • Mo 20.04. 20:00
    Skala

frontier #8 tattoo / recorded lifeDIE BILDER DER KOPFJÄGER + FLAMMEND’ HERZ + PAULE HAMMER (Laden für Nichts)

Ausstellung / Film / Vortrag , 120 min

FRONTIER - eine Veranstaltungsreihe in Zusammenarbeit mit der Skala Leipzig
Konzeption: Sven Wörner

FRONTIER, das ist die gemeinsame Grenze von Film und Theater, die durch die Bühnenkante, die Leinwand und die Position des Betrachters definiert wird. FRONTIER ist, als Veranstaltungsreihe, ein angebotenes Experimentierfeld für Besucher und Veranstalter, um die wechselseitigen Durchdringungen dieser Grenze zu erkunden.

Was hat Tattoo mit Film und Theater zu tun? Das Wort Film leitet sich ab vom angelsächsischen Felmen, das die Haut auf abgekochter Milch bezeichnet.
Retina ist eine Kamera-Reihe der Firma Kodak. So wie sich unser Sehen über das Licht auf der Netzhaut (Retina) abbildet und als Reiz im Gehirn ein Bild erzeugt, so schreibt sich beim Tätowieren erlebtes in die Haut seines Trägers ein und wird für andere als Geschichte sichtbar. Der Tätowierte selbst wird zur Inkarnation der Erzählung. Sein Hautbild repräsentiert die zeitliche Reflexion und der Vorgang des Einzeichnens den Reiz auf der Netzhaut, die Haut wird zur Bühne. Die Epidermis wird zur künstlichen Retina, zum Spiegel, der alle Reflexe bewahrt.
Bei südostasiatischen Kopfjägern - den Iban oder Dayak auf Borneo -, aber auch bei den japanischen Yakuza, militärischen Spezialeinheiten, auf See oder im Gefängnis ist die Tätowierung sowohl Selbstkonstruktion und (geschichtliche) Selbstverortung als auch Beweis des Erlebten und somit Teil eines individuellen und kollektiven Gedächtniskanons: aufgezeichnetes Leben.

Der Abend dient in drei Teilen der (imaginären) Häutung des Darstellers - zur Einbalsamierung von Zeit und Geschichte:

1 Vortrag von Dr. Birgit Scheps-Bretschneider (Kustos Australien/Ozeanien des Museum für Völkerkunde Leipzig, Leiterin der wissenschaftlichen Bibliothek der SES) TÄTOWIERUNG IN SÜDOSTASIEN - DIE BILDER DER KOPFJÄGER

2 Film FLAMMEND’ HERZ
D/CH 2004, Regie: Andrea Schuler, Oliver Ruts, 95 min.
Tattoos sind modisches Attribut, bewundertes oder belächeltes Ornament am Körper. Es gab Zeiten, in denen Tätowierungen den Ruch von Knasterfahrung oder genereller Andersartigkeit trugen und verpönt waren. Davon zeugt das Porträt, das Oliver Ruts, in der Kunst bewandert, und Andrea Schuler in ihrem Debütfilm von drei rüstigen Männern zeichnen, die zwischen 86 und 91 Jahre alt und durch die Leidenschaft für Ganzkörpertätowierungen verbunden sind. Karlmann Richter, Herbert Hoffmann und Albert Cornelissen erzählen aus ihrem Leben und zeigen stolz die kleinen Kunstwerke auf ihrer Haut.
Die drei hatten sich in den 60er Jahren in Hamburg kennen gelernt, wo sie in Herberts "Ältester Tätowierstube" nahe der Reeperbahn arbeiteten, lebten und Freunde wurden. Als sie sich für den Film wieder sehen sind sie zwar durch einen Erbschaftsstreit belastet, aber Harmonie und Selbstbewußtsein siegen. Ihre Lebensgeschichten, ihre Homosexualität (nur Albert ist Hetero) und die Reihenfolge der Tattoos, an denen sie sich nach wie vor erfreuen, werden nach und nach enthüllt. Gelegentlich können sie sich nicht mehr daran erinnern, welches Tattoo zu welcher Episode ihres Lebens gehört. Man hört von Russlandfeldzug und Gefangenschaft, von Sehnsucht und Seemannsleben, Anfeindungen uns Ausgrenzungen.
Das außerordentlich liebevolle Porträt der "Bilderbuchmenschen" ist ein Dokumentarfilm geworden, der von der Aufgeschlossenheit seiner drei Helden profitiert, die als herzliche Verwandte des berühmten Harpuniers Quiqueg aus Herman Melvilles Moby Dick für sich einnehmen. Der Film ist hochinteressant, teils urkomisch und vermittelt nebenbei eine kleine Sittengeschichte der Tätowierkunst. (Quelle: Blickpunkt:Film)

3
Ausstellung: PAULE HAMMER (Laden für Nichts, Leipzig)
2 Bilder aus “Haut 1 - 4” und "Weltenzyklopaedie"
„Jüngst (2006) zeigte Paule Hammer in seiner austellung das „reich“ in der galerie b2_ unter anderem vier bilder zum thema haut Seit jeher gilt die Haut als wesentliche Bestimmung der Schönheit des Körpers, historisch sogar als Ausdruck für die Schönheit der Seele. Gespannt zwischen Innen und Außen, artikuliert sie die Berührungssehnsucht des Körpers. Paule Hammers Bilder „Haut1-4“ zeigen dieses Motiv als Leinwand, als lesbare Seite des Körpers, die eigentlich ein tiefes natürliches Verständnis des Menschen anspricht. Doch sehen wir hier einen vergrößerten Ausschnitt, der nicht die reine, sondern die geschundene Haut in Malerei fasst. Risse, Schnittwunden, riesige Warzen, Pusteln und Falten, dahinter abstrakte, schemenhafte Licht- und Schattenspiele, die die menschliche Existenz hinterfragen und bildnerisch auf einen Moment reduzieren. ... Denn auch in einigen seiner Installationen und bildhauerischen Arbeiten wird auf die repräsentierte Substanz angespielt, ohne die eigentlich dargestellte Oberfläche (Haut) zu erwähnen. Normalerweise wird in der Kunsttheorie wie der Kunstgeschichtsschreibung, die die Hautdarstellungen als Inkarnat führt, über deren Farbe als Ort, an dem durch den sichtbaren Farbauftrag sowohl der mediale Charakter des Bildes wie die individuelle Handschrift des Künstlers zum Ausdruck kommen können, berichtet. Allerdings wirft das Verhältnis des Künstlers zu der von ihm bearbeiteten Farbmaterie hier Fragen nach dem pathologischen dieser Konstellation auf. Die medialen Implikationen der Haut sowie die maltechnischen Aspekte der Hautgestaltung sind in Paule Hammers Bildern beredt für eine Zerstückelung, Zerlegung und Analyse der Bestandteile des Körpers im allgemeinen Schönheitsdiskurs, der sich auf Ganzheit, Integrität und Unversehrtheit der Haut stützt. Statt den glatten „festgeschriebenen“ Inszenierungen der medialen Bildkultur, in denen nach digitaler Überarbeitung Körperabbildungen mit standardisierten Hautoberflächen in normierten Farbgebungen dominieren, bildet bei Hammer die Farbe Krusten und öffnet Löcher. Die Haut erscheint prekär. ... Nicht von ungefähr suggerieren die Bilder im doppelten Sinne das innere Wissen um Redewendungen wie „Das geht mir unter die Haut“ oder die „nackte Wahrheit erkennen“.
// Sandra Mühlenberend (, 14. April 2009)

„16. Januar 2009 ... Also räume ich mit Paule in seiner „Weltenzyklopaedie" auf. Alles was so rum liegt und nicht mehr gebraucht wird (und das ist gar nicht so einfach auseinanderzuhalten von dem, was noch gebraucht wird) kommt in blaue Mülltüten. Dabei schaue ich mir seine Bilder an.
Auf einem großformatigen ist ein riesiges rosa Fragezeichen, umgeben von einer Collage aus Texten, kleineren Bildern, Comicartigen Figuren, „Fragen die dich jagen", mehrere Medusenhäupter, immer kleiner werdend, ein Konglomerat (das bedeutet „ein schillerndes Gebilde", ich hasse die intellektuelle Kunstsprache!) aus Traum und Wirklichkeit, Lebensfragen und Lügen, „Weltenzyklopaedie" eben. Auf einem anderen, zweigeteilt durch den dreidimensionalen Schriftzug „der Untergang", oben eine Art Nachbildung von Picassos „Guernica", in dem Hammer einige Vaginas (Muschies klingt eigentlich viel besser) ausfindig und sichtbar gemacht hat, unten, umgeben von verschiedensten Zitaten Fotos vom Meister persönlich und vom Führer, alles verfremdet, bringt eigentlich nichts, wenn ich's versuche zu beschreiben, die Bilder sind Teil des Ausstellungsraums, ein gewaltiger Traum- und Weltenentwurf, auch die Wände sind bemalt, Diaprojektoren und Scheinwerfer...
//Clemens Meyer („Über Eisgiraffen, Glasschiffe und die Weltenzyklopädie“, 15. April 2009)

Lief zuletzt im April 2009