Utopia - Das Richtige im Falschen

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Monatsprogramm September

Die Cinémathèque Leipzig
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All films at Cinémathèque Leipzig
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Kurzfilme im September

03.09. – 12.09.2018
KIRPICHI
Yekaterina Kireeva
2017
02:47 min

13.09. – 27.09.2018
HANS THE SQUIRREL
Florian Maubach
2015
1:45 min

vor jedem Hauptfilm (ausgenommen Sonderveranstaltungen)

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Utopia - Das Richtige im Falschen

UNAUFHÖRLICHER ANFANG

Gibt es eine Zukunft der Utopie im Film?

Vor der Fra­ge nach dem Ver­hält­nis Film/Uto­pie muss die Fra­ge nach der Uto­pie selbst ste­hen:

Uto­pi­en sind nicht die Ver­welt­li­chung von Pa­ra­die­sen. Den­noch tei­len sie – ge­mein­hin – mit die­sen ein ima­gi­nier­tes Da­sein "pa­ra dies", nach den Ta­gen (des jet­zi­gen, re­spek­ti­ve ir­di­schen Le­bens). Und so fin­det die Ver­or­tung von Uto­pi­en im all­täg­li­chen Ge­brauch auch in jen­sei­ti­gen Sphä­ren, er­satz­wei­se auf fer­nen In­seln und an fik­ti­ven Or­ten statt. οὐτοπία, utopía, der Nicht-Ort, ist das "Land hin­ter dem Gries­b­rei­hü­gel" (Rolf Schwend­ter, "Uto­pie – Über­le­gun­gen zu ei­nem zeit­lo­sen Be­griff"), das in sei­ner häu­figs­ten Ver­wen­dung ei­ne un­er­reich­bar fer­ne, idea­le Ge­sell­schaft ver­kör­pert.

Die Ah­nen­rei­he ih­rer Be­sch­rei­bun­gen – von Pla­tons „Po­li­tei­a“ über Tho­mas Mo­rus Buch „Uto­pia“ (der den Be­griff da­mit 1516 er­fand) bis zum Früh-Ge­nos­sen­schaft­ler Robert Owen am Be­ginn des 19. Jahr­hun­derts (um nur grob ei­ne Li­nie zu mar­kie­ren) – ist ge­prägt von ei­ner tech­no­k­ra­ti­schen, dik­ta­to­ri­schen We­sens­art, die von heu­ti­gen Vor­stel­lun­gen ei­nes eman­zi­pier­ten, pa­ri­tä­ti­schen Le­bens weit ent­fernt ist.

En­de des 18. Jahr­hun­derts fin­den mit Olym­pe de Gou­ges oder Ma­ry Wools­tone­craft (üb­ri­gens die Mut­ter der Sc­höp­fe­rin des mo­der­nen Pro­me­theus Fran­ken­stein, Ma­ry Shel­ley) Gen­der-Über­le­gun­gen Ein­gang in die Uto­pie und nicht viel spä­ter kommt die Uto­pie selbst in mach­ba­rer und er­fahr­ba­rer All­täg­lich­keit an (zum Bei­spiel Ernst Blochs Be­griff der "kon­k­re­ten Uto­pie" oder p.m.'s Buch „bo­lo'bo­lo“ von 1983).

Die­se Ent­wick­lung scheint am so ge­nann­ten uto­pi­schen Film vor­bei ge­gan­gen zu sein. Bei Be­trach­tung ein­schlä­g­i­ger Ti­tel wie SH­AN­GRI LA, THINGS TO CO­ME, STAR WARS, AE­L­I­TA, BLA­DE RUN­NER, 1984, ZAR­DOZ, IM STAUB DER STER­NE usw. zei­gen sie sich mit un­ver­kenn­bar dy­sto­pi­schem, an­ti-uto­pi­schem Cha­rak­ter, bes­ten­falls wie­der­ho­len sie Mo­ti­ve von Pla­ton und fol­gen­den. Al­len­falls blei­ben sie Sci­en­ce-Fic­ti­on, der sich an der bür­ger­lich-ka­pi­ta­lis­ti­schen Welt ver­schluckt und – in Schock­star­re – düs­te­re Sze­na­ri­en malt.

"Die Uto­pie liegt in der Zu­kunft: das »nir­gend­wo« ist ein Land, das noch nicht da ist, aber durch un­ser Han­deln rea­li­siert wer­den soll. Un­ser Han­deln hin­ge­gen kann nur im Hier und Heu­te statt­fin­den und muss an den vor­ge­fun­de­nen Be­din­gun­gen an­knüp­fen." (Raul Ze­lik, El­mar Alt­va­ter, „Die Ver­mes­sung der Uto­pie“)

Film steht nicht au­ßer­halb von Ge­sell­schaft, in so­fern er nur sei­nen ei­ge­nen ge­sell­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Rah­men wi­der­spie­geln kann. Zwar ist fil­mi­sche Vor­stel­lung in der La­ge auf ei­ner tech­ni­schen Ebe­ne zu vi­sua­li­sie­ren was nicht exis­tiert, doch eben nur in vor­ge­nann­tem Zwang. Es gilt al­so zu er­ken­nen, ob ein Film nur vor­gibt uto­pisch zu sein, in Wir­k­lich­keit aber le­dig­lich die Reifrö­cke sei­ner Ge­schich­te durch Raum­an­zü­ge aus­tauscht.

Uto­pi­sche Fil­me müs­sen sich da­ran mes­sen las­sen, in­wie­fern sie Ge­gen­wär­ti­ges kri­tisch hin­ter­fra­gen und al­ter­na­ti­ves Han­deln sys­te­misch auf­zei­gen. Ge­lingt es ih­nen nicht, die den Men­schen struk­tu­rie­ren­den Kräf­te zu er­ken­nen, zu ana­ly­sie­ren, Al­ter­na­ti­ven zu En­de zu den­ken, blei­ben sie ober­fläch­li­cher Äst­he­tik ver­haf­tet. Um das We­sen ei­ner for­mu­lier­ten Uto­pie zu er­fas­sen, ist es auch un­ab­ding­bar, sich dar­über klar zu wer­den, wel­che zeit­ge­schicht­li­che Per­spek­ti­ve in den Per­so­nen der Au­to­ren­schaft (von der Re­gie über das Buch bis zur Pro­duk­ti­on) wirkt. Kurz, in­wie­weit die Fra­ge "Ist die Welt ve­r­än­der­bar oder ist sie es nicht?" be­ant­wor­tet wird. Und sie ve­r­än­dert sich, wie wir wis­sen, durch das Han­deln von Men­schen.

Das denkbare, sagbare, machbare verändern
Wenn die­se Maß­s­tä­be an un­ser täg­li­ches han­deln an­ge­legt wer­den, zeigt sich, dass die Gren­zen, die ein Heu­te von ei­nem uto­pi­schen Mor­gen tren­nen nicht exis­tie­ren. Denn das Heu­te ist das Loch, durch das die Mach­bar­keit in die Uto­pie schlüpft...

Das Pro­gramm von Uto­pia ist al­so auch der Ver­such, ei­nen An­satz für ei­nen kon­k­re­ten Be­griff des uto­pi­schen Films zu ge­ben.

Wie aber sieht dann uto­pi­scher Film aus? Un­se­re Rei­he wird es zei­gen. Und sie wird dar­s­tel­len, dass es durch­aus ei­ne Zu­kunft der Uto­pie im Film gibt – weil es ei­ne Zu­kunft der Uto­pie in der Ge­sell­schaft gibt.