Cinémathèque Leipzig - Archiv

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Das Archiv

zeigt alle Filme an, die seit 1998 im Programm der Cinémathèque Leipzig (vormals AG Kommunales Kino) zu sehen waren.

Möglich ist die Suche nach Film- oder Reihentitel.

Rechercheanfragen können uns gern auch per Email erreichen.

Wir bitten um Beachtung des Umstands, dass wir die gelisteten Filme nicht im Besitz haben und demzufolge auch nicht verleihen können.

 

 

  • Do 23.06. 20:00
    die naTo
  • Fr 24.06. 20:00
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  • Sa 25.06. 20:00
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  • Mo 27.06. 20:00
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  • Di 28.06. 20:00
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  • Mi 29.06. 20:00
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  • Do 30.06. 22:15
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  • 1.07.2005
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  • 2.07.2005
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  • 3.07.2005
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  • 4.07.2005
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  • 6.07.2005
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Schildkröten können fliegen

Leipzig-Premiere

Irak/Iran 2004, OmU, 98 min, Regie: Bahman Ghobadi
mit Avaz Latif, Saddam Hossein Feysal, Soran Ebrahim

Der Irak ist laut einer UNO-Erklärung von Oktober 2003 „das Land mit der weltweit größten Gefährdung durch Landminen und Munitionsreste". Wie sich diese katastrophalen Zustände auf die Landbevölkerung, insbesondere auf die Kinder auswirken, zeigt der kurdische Regisseur Bahman Ghobadi („Zeit der trunkenen Pferde") in seinem dritten Spielfilm. Es ist eine Tragödie vom Rand der Welt, ein sehr mutiger Film, der anstrengt und zutiefst bestürzt.
Ein kurdisches Flüchtlingslager im verlassenen Nord-Osten des Irak, ein paar Tage vor der amerikanischen Invasion im März 2003. Ein energischer
13jähriger Junge, der den Namen „Satellit" trägt - da er Antennen ausrichten und CNN-Nachrichten übersetzen kann - stellt Minensuchtrupps unter den vielen Waisenkindern im Lager zusammen. Er ist der Anführer der Kinder, Erwachsene haben hier nicht viel zu sagen. Mit ständig erhobener Stimme herrscht er über sein kleines Reich. Dass viele der Kinder keine Hände mehr haben, hindert ihn nicht, sie als Arbeitskräfte einzusetzen: „Die haben keine Furcht mehr. Das sind die Besten". Für 22 Dinar verkauft er die gefundenen Landminen an Zwischenhändler, die diese für angeblich 2200 Dinar an die UNO weiterverkaufen. Das ganze Lager hört auf Satellit. Als ein Hubschrauberangriff droht, befolgen alle seine Anweisungen: „Geht auf den Berg und stellt euch hin wie Bäume".
Satellit verehrt die USA, weil es dort „Bruce Lee, San Francisco und Zinedane Zidane" gibt. Jetzt entdeckt er neue Gefühle. Als das Mädchen Agrin mit ihrem verstümmelten Bruder und einem zweijährigen blinden Kind, dass sich erst im Laufe des Films als ihr Sohn herausstellt, in das Lager kommt, verliebt er sich. Aber sie ist von den grausamen Erfahrungen ihrer kurzen Vergangenheit wie betäubt. Satellit begibt sich in große Gefahr, um Agrins Herz zu gewinnen.
Ghobadi wählt häufig Totalen, in denen sich viele winzige Menschen in den hellgrünen Hügeln unter hellblauem Himmel verlieren. Die leidvollen Alltäglichkeiten, die er beschreibt, gewinnen so epische Kraft. Wie Abbas Kiarostami und Samira Makhbalbaf, bei denen er Regieassistent war, wählt er Kinder als Laien-Hauptdarsteller. Schonungslos und ungeschönt wie in seinem zweiten Film „Zeit der trunkenen Pferde" zeigt er Kinder, die in für uns unvorstellbarer Armut zäh und verzweifelt um ihre Existenz kämpfen. Ghobadi rekonstruiert hier die Erfahrungen von kurdischen Kindern, die er kurz nach den Angriffen der USA auf den Irak, in Bagdad kennengelernt hatte. „Ich mache Filme, um den Schmerz meines Volkes zu teilen. Ich fühle mich voller Energie, wenn ich dort bei Ihnen bin".
Er zeigt einen Kreislauf des Schreckens: Kinder, die Minen einsammeln und durch Minen verstümmelt werden. Kinder, die Kinder kriegen und diese umbringen wollen. Kinder ohne Arme, die ertrunkene Kinder retten wollen. Der Wahnsinn des Krieges wird von ihrer Unschuld überstrahlt. Obwohl Ghobadi auf Gräuel-Bilder verzichtet und die tragischen Szenen mythisch-poetisch überhöht, ist sein Drama einer der härtesten und gnadenlosesten Antikriegsfilme, die es gibt.
Dorothee Tackmann (programmkino.de)

Lief zuletzt im Juli 2005