Cinémathèque Leipzig - Archiv

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Das Archiv

zeigt alle Filme an, die seit 1998 im Programm der Cinémathèque Leipzig (vormals AG Kommunales Kino) zu sehen waren.

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Rechercheanfragen können uns gern auch per Email erreichen.

Wir bitten um Beachtung des Umstands, dass wir die gelisteten Filme nicht im Besitz haben und demzufolge auch nicht verleihen können.

 

 

  • 1.03.2003
    die naTo
  • 3.03.2003
    die naTo

Rain

Leipzig-Premiere

Neuseeland 2001, OmU, 92 min, Regie: Christine Jeffs
mit Marton Csokas, Sarah Peirse

Sommer in Neuseeland! Janey, 13 Jahre, und ihre Familie machen Urlaub im Häuschen am Strand. Janey und ihr kleiner Bruder spielen und planschen nach Herzenslust. Papa und Mama geben Parties, trinken und flirten. Janey spürt, daß sie Frau wird. Aufmerksam verfolgt sie die Spiele der Erwachsenen. Als sich die gelangweilte Mama einen fremden Mann angelt, hält sie nicht länger still...

Ein Mutter-Tochter-Duell in atemraubender Landschaft, die Natur brütet und funkelt drohend - ein virtuos inszenierter Familien-Thriller mit ironischer Lolita und dem süßesten Bruder aller Zeiten... Dazu herrlich nostalgische Songs im 70er-Retrostil des Kiwi-Starmusikers Neil Finn!

Blickpunkt Film:
Ein düsteres Familiendrama 1972 in Neuseeland: Die Sommerferien am paradiesischen Strand wandeln sich durch sexuelle Rivalität zwischen Mutter und Tochter zum Alptraum. Mit der stilsicheren Verfilmung von Kirsty Gunns erfolgreichen, gleichnamigen Roman von 1994 gelingt Christine Jeff ein fulminantes Regiedebüt. Die amerikanische Presse verglich die Newcomerin schon mit Jane Campion. Und "Variety" nahm sie in die Liste der "Ten Directors to Watch" auf.
Die ersten Bilder gaukeln eine Urlaubsidylle vor. Doch die Ruhe trügt. Das traurige und schreckliche Ende ist zu ahnen. Eine ganz normale Familie verbringt ein paar Sommertage im Bungalow am Meer. Mutter Kate zieht sich gerne mit Whiskey hinters Haus zurück, der hilflose Ehemann beschäftigt sich mit sinnlosen Aktivitäten, die 13jährige Janey (eine Entdeckung: Alicia Fulford-Wierzbicki) kümmert sich um den kleinen Bruder Jim, lehrt ihn Schwimmen und spielt mit ihm am Strand. Alkohol und Parties bringen den gelangweilten Erwachsenen Abwechslung. In das träge Leben platzt der vitale Fotograf Cady, ein auf dem Boot hausender Abenteurertyp, und weckt bei Kate Lust auf eine sexuelle Eskapade, die sie schamlos unter den Augen ihres Mannes beginnt. Aber auch Janey beobachtet das Treiben und wird zur Rivalin - verblühende Schönheit gegen knospende, ein ungleicher Wettbewerb. Wie die Mutter besucht das Mädchen den Kerl unangemeldet und will fotografiert werden, weil "Fotos die Seele spiegeln". Um ihre Anziehungskraft zu testen, verführt sie den Womanizer bei einem Spaziergang im Wald, während Jim unbeaufsichtigt am Strand bleibt. Das Unglück nimmt seinen Lauf.
Die Mischung aus Familientragödie und Coming-of-Age-Story ist zuallererst ein in Blau-, Grün- und Brauntönen gehaltenes visuelles Erlebnis mit einer faszinierenden Landschaft hinreißend fotografiert von John Toon. Aus Kosten- und Stilgründen wurde auf körnigem 16mm-Material gedreht. Der Look der siebziger Jahre ist perfekt. Regen fällt nie in "Rain", aber die schnell dahinziehenden Wolkenformationen lassen Unheil ahnen, das drohende Gewitter ist Vorbote der familiären Katastrophe. Es dominieren Zwischentöne, gespannte Erwartungen und Vorahnungen, das etwas Furchtbares passiert, das niemand aufhalten kann, Schicksal eben. Auf der einen Seite die n Sticheleien zwischen den Eltern, die abweisende Haltung Kates - Zeichen für abgenutzte Liebe, auf der anderen Seite die Kids, die sich amüsieren, bis Janey als provozierende Lolita der Mutter Konkurrenz macht - die erste Zigarette, der erste Drink, der erste laszive Tanz, der erste Sex. Offen bleibt, ob sie aus Rache an der untreuen, die Kids vernachlässigenden Mutter oder aus wirklicher Neugier die Sexualität erkundet. Auf den ersten Blick weckt der vollständig von der New Zealand Film Commission finanzierte Film Assoziationen an "Virgin Suicides" oder "Ratcatcher", aber die Handlung, die Vielschichtigkeit und Konsequenz der Figuren geht in eine andere Richtung. Das Teilhaben an der Erwachsenwelt, das Austesten von Grenzen eskaliert zum gefährlichen Spiel mit dem Feuer, zur Explosion von verdrängtem Schmerz und unterdrückter Wut. Am Ende heißt Überleben nur noch Durchhalten, wenn Mutter und Tochter allein in eine ungewisse Zukunft aufbrechen. Diese melancholische Geschichte eines Sommers erzählt in dichter und emotional schwüler Atmosphäre von Vergänglichkeit, Kindheit und zu schnellem Erwachsenwerden. Nicht nur für Kiwi-Fans ein filmischer Hochgenuss. mk.

Lief zuletzt im Mrz 2003