Cinémathèque Leipzig - Archiv

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Das Archiv

zeigt alle Filme an, die seit 1998 im Programm der Cinémathèque Leipzig (vormals AG Kommunales Kino) zu sehen waren.

Möglich ist die Suche nach Film- oder Reihentitel.

Rechercheanfragen können uns gern auch per Email erreichen.

Wir bitten um Beachtung des Umstands, dass wir die gelisteten Filme nicht im Besitz haben und demzufolge auch nicht verleihen können.

 

 

    No Man's LandNicija zemlja

    3. Ostwindtage - Film und Musik aus Osteuropa

    Bosnien/Frankreich/Italien/Slowenien/Großbritannien 2001, OmU, 98 min, Regie: Danis Tanovic
    mit Branco Djuric, Katrin Cartlidge, Rene Bitorajac

    Nach einer nebligen Nacht finden sich zwei Soldaten auf einem kleinen Flecken Erde zwischen den Kriegsfronten wieder und stellen fest, dass sie Feinde sind. Zwischen ihnen liegt ein Verletzter hilflos auf einer Bombe, die zu explodieren droht, sobald er sich bewegt. Unter brennender Sonne führen die beiden ihren Überlebenskampf zwischen Verhandeln, Warten auf Hilfe und gegenseitigen Attacken. Bis sich endlich die neutralen Hilfstruppen einschalten und eine junge ehrgeizige Fernsehjournalistin die allgemeine Verwirrung noch steigert. Ein absurdes Drama sehr nahe an der Wirklichkeit, wie sie der belgisch-bosnische Regisseur 1993 in Europa beobachten musste.
    Ausgezeichnet mit dem Oscar 2002 als bester nichtenglischsprachiger Film: Danis Tanovics Soldaten-Geschichte aus Bosnien.
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    Soldaten schleichen nächtens an der bosnisch-serbischen Grenze herum. Sie umgehen die Minen des Gegners und legen eigene aus. Besondere Freude hat der Senior an einer gemeinen Falle: Er platziert einen Sprengsatz so unter einen vermeintlich toten Gegner, dass jeder, der in anhebt, getötet wird. Doch wie war das mit dem Grube graben im Sprichwort? Am nächsten Morgen jedenfalls sitzen drei Männer im Laufgraben und in der Falle zwischen den Fronten: Der Bosnier Chiki (Branko Djuric) hält den jungen Serben Nino (Rene Bitorajac) mit seiner Waffe in Schach, während Chikis verletzter Kamerad auf der Mine liegt und sich nicht rühren kann. Jetzt könnte man gemeinsam und mit gesundem Menschenverstand die Situation sicher lösen. Doch es ist Krieg, der von 1983, und der Menschenverstand wurde beim Eintritt in die Armee gegen die Waffe eingetauscht. Die Männer - besser: Idioten - liefern sich im Mikrokosmos des Schützengrabens einen absurden Kleinkrieg und die Artillerie feuert das Echo von beiden Seiten. Dauernd wechseln die Vorwürfe im Wortgefecht, ab und zu wechseln auch die Waffen den Besitzer, doch im Kern ist der Dialog simpel: "Ihr habt den Krieg begonnen!" "Nein, ihr!" "Nein, ihr!" und so weiter und so fort ... Irgendwann wird die UNPROFOR, die eigentlich nur zum Zusehen da ist, zu Hilfe gerufen und die Situation gerät völlig albern - unter anderem sprechen die französischen Friedensstifter keine der verfeindeten Sprachen. Das Dilemma entwickelt sich zum albernen Medienspektakel, der Zynismus der "Helfer" ist tatsächlich Atem beraubend.
    "No Man's Land" wurde von Fabrica, der "Filmabteilung" Benettons unter der Leitung von Marco Müller, koproduziert. Die Wirkung eines einzigen Fotos von Oliviero Toscani zu den jugoslawischen Kriegen (auf den Benetton-Plakaten) war allerdings ungleich breiter. Allerdings auch kontroverser. "No Man's Land" hätte seinen Erfolgsweg über Cannes 2001 (Drehbuchpreis), Golden Globes und Academy Awards 2002 (Bester Nichtenglischsprachiger Film) sicher nicht antreten können, wäre er nicht so ein netter, kleiner und vor allem sehr zugänglicher universeller Film.
    Den Absurditäten des Krieges kann man nur mit der Satire begegnen. Dieser, im Film weit verbreiteten Hilflosigkeit folgt auch die harmlose Kriegsatire "No Man's Land". Schwarz soll die Komödie sein, schwach ist sie leider in vieler Hinsicht: Auch wenn man keineswegs den bluttriefenden Hyper-Ryanismus vieler amerikanischer Kriegsfilme herbeiwünscht - irgendwie wirkt die äußere Dramatik in "No Man's Land" streckenweise aufgeräumt wie ein Reihenhausvorgarten. (Oder sollten wir so verstehen, dass dieser Krieg vor den Haustüren stattfand?) Das makabre Spiel im Graben ist anfangs noch trefflich gelungen. Doch dass sich diese Absurdität auf Beckettsche Weise tot läuft, stand sicher nicht auf dem Drehplan. Spätestens wenn mit den internationalen Beobachtern ein ganzer Tross weiterer Schauspieler aufläuft und die Handlung mehrschichtiger wird, wirkt der Film nur noch flach, aufgesetzte Tragik bleibt wirkungslos. Vielleicht eine Erklärung: Regisseur Danis Tanovic arbeitete im Krieg als Kameramann für die bosnische Armee und hatte vorher keinen Kinofilm realisiert.
    Kurz und trotz anders lautender Meinung einiger KollegInnen: Ein reizvoller und engagierter TV-Film, der wegen seiner Auszeichnungen und einiger begeisterter Kritiken in den Programmkinos sicher das Publikum finden wird, das kein großes Kino erwartet.
    Günter H. Jekubzik (AG Kino Homepage)