Cinémathèque Leipzig - Archiv

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Das Archiv

zeigt alle Filme an, die seit 1998 im Programm der Cinémathèque Leipzig (vormals AG Kommunales Kino) zu sehen waren.

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Wir bitten um Beachtung des Umstands, dass wir die gelisteten Filme nicht im Besitz haben und demzufolge auch nicht verleihen können.

 

 

Zu früh, zu spät Zu früh, zu spät
  • 10.03.2015
    die naTo

Zu früh, zu spätTrop tôt, trop tard

Der Venezianische Spiegel

Frankreich/Italien/BRD 1980/81, OF, 104 min, Regie: Jean-Marie Straub, Danièlle Huillet

Format:16mm

ZU FRÜH / ZU SPÄT ist ein Film in zwei Teilen, der einerseits auf einem Brief von Friedrich Engels an Karl Kautsky sowie einem Artikel zur Bauernfrage in Frankreich und Deutschland basiert, andererseits auf Ausschnitten aus dem Buch "Luttes sociales en Egypte" von Mahmud Hussein aufbaut.
Engels setzt den historischen Verlauf der Französischen Revolution von 1789 – wer hat sie gemacht, wer von ihr profitiert – in Beziehung zur Einkommens- und Lebenssituation der französischen Land- und Stadtbevölkerung zu diesem Zeitpunkt. Mahmud Hussein skizziert die Geschichte der ländlichen und städtischen Revolten im Ägypten des 19. und 20. Jahrhunderts bis zum Nasserschen Staatsstreich von 1952. Beide Texte werden zu (zum Drehzeitpunkt) aktuellen Bildern der Orte des Geschehens in Beziehung gesetzt. Das Publikum wiederum weiß um den weiteren Verlauf der Geschichte bis zur Gegenwart, der – als vermeintliche Kontinuität – seinerseits ein anhaltendes "zu früh, zu spät" darzustellen scheint. Während sich in Frankreich und Ägypten wieder einmal die Bauern zu früh erhoben und zu spät kamen, als es um die Macht ging, stellt sich dem Publikum die Frage nach der eigenen historischen Position im 20. Jahrhundert. In programmatisch strikter Trennung von Bild, Ton und Text gelingt Huillet/Straub die Verknüpfung der persönlichen Erfahrungsebene des Publikums mit einem weiter gefassten Horizont, der über das verengende "Jetzt" hinaus geht. Durch das Verschränken verschiedener Laufrichtungen der Zeit spiegeln Blick- und Bedeutungsachsen das Hier- und-Jetzt auf Vergangenes und Zukünftiges. Auf diese Weise wird ZU FRÜH / ZU SPÄT auch zu einem utopischen Film. In diesem Werk frei von Sensation und Trick tritt uns das Bild als Wahrheit entgegen, die abbildet, was nicht zu sehen ist. Die Autorschaft Huillet/Straubs tritt dem Publikum gleichwertig auf einer Ebene entgegen. Dieses wird nicht bevormundet, jene treten nicht hinter die Leinwand zurück.

ZU FRÜH, ZU SPÄT ist der zweite Film der dreiteiligen Reihe "Der Venezianische Spiegel", die in loser Reihenfolge bis zum April 2015 zu sehen sein wird. Ein "venezianischer Spiegel" reflektiert eintreffendes Licht, lässt jedoch einen gewissen Anteil des Spektrums zur anderen Seite hindurch. Auf diese Weise ist das Geschehen einseitig beobachtbar, während das Gegenüber nur sein eigenes Spiegelbild erkennt. In den drei Teilen der Reihe definieren wir Autorschaft, Bild/Erzählung und Publikum gleichberechtigt auf derselben Ebene. Das Bild verliert dabei seinen identifikatorischen Charakter, Autorin/Autor bleiben präsent und treten dem Publikum auf Augenhöhe entgegen. Die Kamera ist, technisch und ideell, als Auge und Projektionsapparat Spiegelebene dieser Konstellation und somit nicht die übliche, abwesende, zentralistische, bildgebende Autorität. In ihr wird der Ereignishorizont in beide Richtungen teilweise durchlässig.
Mit einer Einführung.

Lief zuletzt im Mrz 2015