Cinémathèque Leipzig - Archiv

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Das Archiv

zeigt alle Filme an, die seit 1998 im Programm der Cinémathèque Leipzig (vormals AG Kommunales Kino) zu sehen waren.

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  • 1.12.2002
    die naTo
  • 1.12.2002
    die naTo
  • 2.12.2002
    die naTo

Irréversible

Französische Filmtage 2002

Frankreich 2002, OmeU, 95 min, Regie: Gaspar Noé
mit Albert Dupontel, Monica Bellucci, Vincent Cassel

Ein Pärchen und dessen gemeinsamer bester Freund begeben sich auf eine private Fete, wo es, unter Einfluss von Drogen und Alkohol, zum Streit zwischen den beiden Liebenden kommt. Die Frau lässt Mann und Freund stehen und verlässt die Party. Doch kommt sie nie zuhause an: In einer Unterführung wird sie vergewaltigt und brutal ermordet. Außer sich vor Rachsucht heften sich die beiden Zurückgebliebenen an die Fersen des Mannes, den sie für den Mörder halten...
Zum Skandal des Festivals von Cannes 2002 hochstilisiert, hat der Film gefesselt und abgestossen zugleich - Regisseur Gaspar Noé (SEUL CONTRE TOUS, Franz. Filmtage 2001) wurde sogar als pervers beschimpft. Im Stil von MEMENTO erzählt Frankreichs neuer Regieberserker seine Geschichte rückwärts in zwölf jeweils ohne Schnitt gedrehten Segmenten. Deutlich als radikale Antwort auf Kubricks Superstar-Eheprojekt EYES WIDE SHUT angelegt, verweist er in diesem brutalen Brocken Anti-Kino, bar jeder Illusion und Hoffnung, auf die Attitüde der frühen Einstürzenden Neubauten ("Nach uns kommt nichts mehr") und das New Yorker Cinema of Transgression, wie es Richard Kern und Nick Zedd in den Achtzigern zelebrierten. Natürlich sind die zwei vieldiskutierten Szenen des Films kaum zu ertragen - doch stellt Noé auch die Frage, ob die Darstellung von Vergewaltigung und Mord überhaupt anders möglich sein darf. Ein wichtiger Film, den man nicht ins Herz schließen muss, aber unbedingt sehen sollte.


Regisseur Gaspar Noé zu "Irréversible"
Cannes hatte seinen Skandal: einen Film, bei dem Festivalchef Thierry Fremaux zugab, manchmal weggeguckt zu haben, und Zuschauer in Ohnmacht fielen. Gaspar Noés hartes Drama IRRÉVERSIBLE über eine brutale Vergewaltigung und deren blutige Rache, katapultierte sich in Frankreich am Startwochenende auf den dritten Platz hinter Star Wars: Episode II und Hollywood Ending.

Irréversible stößt auf widersprüchliche Reaktionen, auf Abwehr. Ein Skandalfilm?
Gaspar Noé: Dieser Begriff ist so hohl wie eine Nuss. Mein Film macht einigen Leuten durch seine Härte Probleme, weil er die übliche Vorstellung von Menschlichkeit ad absurdum führt und den üblichen Rahmen der Nettigkeit sprengt. Mir hat jemand gesagt, er sei eine Synthese des Furchtbarsten und des Besten im Menschen. Privates Glück und perfides Grauen liegen hier nahe beieinander. Ich mache kein Kino der Rationalität.

Musste die Vergewaltigung unbedingt so bestialisch und auf zehn qualvolle Minuten ausgedehnt werden?
GN: Ich halte es für verlogen, bei jeder Brutalität immer abzublenden. Bei Mord und Totschlag schreit niemand auf, dabei kommen Vergewaltigungen viel öfter vor. Wir verdrängen das Thema, weil sich der Mann da in puncto Sex wie ein Tier gebärdet. Ich zeige schonungslos, was eine Vergewaltigung bedeutet. Die Kamera ist auf Monica Bellucci gerichtet. Sie ist nicht voyeuristisch, sondern vermittelt die Sicht der Frau, die in ihrer Weiblichkeit verletzt, gedemütigt, zerstört wird. Ich habe mir einiges über Vergewaltigung erzählen lassen und war geschockt. Warum muss auf der Leinwand immer alles ästhetisch sein?

Was fällt Ihnen zum Zeitgeistterminus "politische Korrektheit" ein?
GN: Wir sollten uns nicht immer an sozialen Codices aufhängen, sondern der persönlichen Meinung folgen. Die so genannte Moral dient oft nur als Feigenblatt. "Irréversible" ist kein Film der Reflexion, sondern des Instinkts. Dem bin ich gefolgt. Und ich habe mich auch nicht den Problemen der Verantwortung gestellt. Ich mache kein Kino der Rationalität.

Wie konnten Sie mit diesem riskanten Sujet einen Produzenten überzeugen?
GN: Ich habe sogar zwei gefunden, Richard Grandpierre, Produzent von "Pakt der Wölfe ", und Christophe Rossignon, der u.a. Kassovitz-Filme produziert. Am Anfang wollte ich einen Sentimentalporno mit Monica Bellucci und Vincent Cassel drehen, die auch im richtigen Leben ein Paar sind. Aber den lehnten die Produzenten ab. Dann habe ich ihnen dieses Projekt über Vergewaltigung und Rache vorgeschlagen, und sie haben angebissen. Sie wussten, dass mit den international bekannten Schauspielern Bellucci und Cassel sowie dem in Frankreich beliebten Dupontel die Finanzierung keine Schwierigkeiten bereitete. Nach einer Woche voller Telefonate war auch Studio Canal im Boot, obgleich weder Drehbuch noch Titel vorlagen, sondern nur ein dreiseitiges Konzept. Nach sechs Wochen Vorbereitung starteten die Dreharbeiten. Von der ersten Idee bis zum fertigen Film dauerte es ungefähr zehn Monate, länger als ich dachte.

Inwieweit haben Sie improvisiert?
GN: Es ist alles improvisiert. Geschrieben habe ich während des Drehs. Wir drehten hastig. Ich wollte eine nervöse Atmosphäre, die sich auf die Bilder überträgt. "Irréversible" ist ein schneller Film der Energie. Ich gebe zu, die Dialoge zeichnen sich nicht durch Tiefgründigkeit aus, sondern sind ziemlich oberflächlich. Aber so ist das nun mal in der Wirklichkeit.

Man nennt Sie einen "moralischen Cineasten".
GN: Was heißt überhaupt moralisch, was amoralisch? Ich bin ehrlich, und Irréversible setzt auf Direktheit. Gut und Böse sind doch relative Bezeichnungen, weil wir uns nach gesellschaftlichen Normen richten.

Lief zuletzt im Dezember 2002