Cinémathèque Leipzig - Archiv

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Das Archiv

zeigt alle Filme an, die seit 1998 im Programm der Cinémathèque Leipzig (vormals AG Kommunales Kino) zu sehen waren.

Möglich ist die Suche nach Film- oder Reihentitel.

Rechercheanfragen können uns gern auch per Email erreichen.

Wir bitten um Beachtung des Umstands, dass wir die gelisteten Filme nicht im Besitz haben und demzufolge auch nicht verleihen können.

 

 

frontier / split-screen 3 "fiktion/realität" frontier / split-screen 3 "fiktion/realität"
  • Mo 26.01. 20:00
    Skala

frontier / split-screen 3 "fiktion/realität"

1924-82, 90 min

FRONTIER - eine Veranstaltungsreihe in Zusammenarbeit mit der Skala Leipzig
Konzeption: Sven Wörner

SPLIT-SCREEN ist ein ungefähr 14-tägiger, thematischer Filmabend als Teil der Reihe FRONTIER in der Skala, das versucht, in mehrfacher Hinsicht die Grenzen zwischen Film und Theater, Zuschauer und Akteur, Konsument und Produzent zu überschreiten. Wir rühren in der Ursuppe von Theater und Kino und haben hierzu als zentrale Koordinaten und Programmpunkte Sprache, Position, Zeit, Bühne, Fiktion, Schnitt sowie Objektiv gewählt.

FRONTIER, das ist die gemeinsame Grenze von Film und Theater, die durch die Bühnenkante, die Leinwand und die Position des Betrachters definiert wird. FRONTIER ist, als Veranstaltungsreihe, ein angebotenes Experimentierfeld für Besucher und Veranstalter, um die wechselseitigen Durchdringungen dieser Grenze zu erkunden.


»Fiktion/Realität«
Sowohl auf der Bühne als auch im Film ist die Fiktion ein zentraler und vor allem empfindlicher Punkt. An ihrem Gelingen entscheidet sich, wie wir die Erzählung erleben, im besten Fall emphatisch und: in unserer Wahrnehmung als Wirklichkeitserlebnis. Spannung, Suspense, Mitleid, Freude, usw.; all dies empfinden wir als real – bei gelungener Fiktion.
Doch zugleich befinden wir uns in einem verzwickten Dilemma. Je weniger Distanz wir zur Darstellung einnehmen können um so größer und undurchdringlicher wappnen wir uns mit einem Schutz. Im Kino fallen uns emotionen entsprechend leichter als vor der Bühne.
Fest scheint zu stehen, daß wir Schwierigkeiten haben Erzählungen die uns nicht auf der distanzierenden Ebene unserer sprachlichen und fiktionalen Grammatik entgegentreten, zu verstehen. Erzählungen sollten strukturell unsere gewohnten und vor allem abgesicherten Rezeptionsmuster wiedergeben.
Vielleicht ist es das: Realität und Wirklichkeit als Gegenpart. Und die Fiktion? Wo klammert sich diese fest? Sicherlich an der Wirklichkeit; denn diese unterscheidet sich von ihrer Partnerin Realität durch den Prozess des fassbar-machens. Und hierfür benötigen wir: eben die Fiktion. Als Flussmittel muß sie uns behilflich sein aus der Einen die Andere zu extrahieren. Was nun in der modernen Musik bereits ein akzeptiertes Mittel ist (z.B. John Cages 4'33''), stellt bei Bühne und Film noch einen Schock für das Passivität gewohnte Publikum dar.
Wollen wir sie sehen, erleben, die Realität, gefährlich mäandrierend? Was würde geschehen? Dieser Frage gehen wir (nach »Sprache« und »Bühne«) mit dem dritten Programm von frontier/splitscreen »Realität« nach.

Zen For Film
USA 1962-64, Nam June Paik, 30 min, stumm
ZEN FOR FILM ist einer der wenigen Filme des koreanischen Komponisten und Videokünstlers. Der Film ist ein simpler Blank-Film, auf dem sich mit jeder Vorführung (im Orginal) Staub und Kratzer abbilden. Die Idee des
»unbeschriebenen« Stücks ist vergleichbar mit John Cages CONCERT FOR PIANO, das auf der materialeigenen Struktur, den »imperfections« des Papiers statt auf Noten beruht.
Die Länge des Films fordert den Betrachter auf dem Konzept von Zeit und Realität zu folgen. Mit den Worten von Cage: »Im Zen wird gesagt: wenn dich etwas nach2 Minuten anödet, probier es für 4. Ödet es dich noch immer an, probier 8, 16, 32 Minuten u.s.w. Du wirst entdecken, das es dich schließlich sehr interessiert.« Darüber hinaus ist ZEN FOR FILM »realistischer« Film, der nichts weiter abbildet als sich selbst, eine Eigenschaft, die er mit sehr wenigen Anderen teilt.

Case Sound Test #6
USA 1924/25, Theodore Case, 1 min, OF
Theodore Case war der Assistent von Lee deForest bei der Entwicklung des Tonfilms. Sie experimentierten mit dem damals sogenanten "Phonofilm". Nachdem es zu Uneinigkeiten die Weiterentwicklung betreffen kam, trennten sich Case und deForest und Case gelang in Folge mit seinem neuen Partner E.I. Sponable die Erfolgreiche Herstellung eines funktionierenden ton-Film-Systems. Dies wurde dann von William Fox als "Movietone" zu sensastionellem Erfolg und dem was wir heute als Film allgegenwärtig kennen geführt.
In CASE SOUND TEST #6 erleben wir die durch die Protagonisten noch nicht voll erfasste Realität des Mediums anhand eines Tontests, der — bei ausführlich zu hörender vorheriger Einleitung — in simplem Pusten besteht.

A Breakdown & After the Mental Hospital
(5 Year Diary, Reel 23)
USA 1982, Anne Charlotte Robertson, 26 min, OF
Auszug aus dem 25-jährigen Tagebuch-Filmprojekt von A.C. Robertson: »Katzen Amy und Buddy; nach Boston fahren, vegetarische Küche; Suche nach versteckter Bedeutung; der Komposthaufen; meine Mutter und ihr Haus; Exorzismus mit Tee, Spiegelund Lampe; zuviel Wein; herbstliche Straße; mein Garten...«
Im Geflecht der Bilder und Tonspuren wird die Distanz zur Leinwand überfallen.
"Wie viele andere Menschen mit schweren pyschischen Störungen versteht auch Anne Charlotte Robertson ihre Kunst bewußt als Selbsttherapie. Doch die Kraft und Leistung der Filme geht in dieser Funktion nicht auf, auch wenn die lebenswichtige Bedeutung, die das Filmemachen für die Künstlerin hat, sich dem Publikum als leidenschaftliche Energie mitteilt. Robertson konzentriert sich auf verschiedene filmische Möglichkeiten, die sie ins Extrem treibt, um sie ihren besonderen Bedürfnissen dienstbar zu machen: die detaillierte visuelle Aufzeichnung, Speicherung gegenwärtiger Alltagsrealität; die zeitliche Schichtung durch Montage und späteren Kommentar; die Aufassung der Kamera als Spiegel und Instrument der Konfrontation; und, damit verwandt, der Einsatz einer Körpersprache, die das Publikum zu emphatischem Nachvollzug zwingt. Darüber hinaus besitzen viele Bilder der Künstlerin eine tiefe ästhetische Eindringlichkeit." (Christine Noll Brinkmann)

Entrance to Exit
USA 1961, Georg Brecht, Dauer flexibel, Performance
ENTRANCE TO EXIT ist ursprünglich die 1965 von ihm in Film transformierte Performance WORD EVENT von Fluxuskünstler Georg Brecht. Aufgeführt wird sie unverändert nach der Anweisung des Künstlers, allerdings eben unter dem Titel des Films. Dieser Eingriff soll eine generelle Lesbarkeit in unserem Zusammenhang verdeutlichen.
Ohne jede kritische oder ironische Distanz wird der Realitätsgehalt einer Aufführung geprüft und demonstriert.

Lief zuletzt im Januar 2009