Cinémathèque Leipzig - Archiv

<< Dezember 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 heute morgen 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 >>
ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ

Das Archiv

zeigt alle Filme an, die seit 1998 im Programm der Cinémathèque Leipzig (vormals AG Kommunales Kino) zu sehen waren.

Möglich ist die Suche nach Film- oder Reihentitel.

Rechercheanfragen können uns gern auch per Email erreichen.

Wir bitten um Beachtung des Umstands, dass wir die gelisteten Filme nicht im Besitz haben und demzufolge auch nicht verleihen können.

 

 

Frontier / split-screen 2: Bühne Frontier / split-screen 2: Bühne
  • 15.12.2008
    Skala

Frontier / split-screen 2: BühneDionysus in '69 + Opening Night

USA , 232 min, Regie: Brian de Palma sowie John Cassavetes

FRONTIER - eine Veranstaltungsreihe in Zusammenarbeit mit der Skala Leipzig
Konzeption: Sven Wörner

SPLIT-SCREEN ist ein ungefähr 14-tägiger, thematischer Filmabend als Teil der Reihe FRONTIER in der Skala, das versucht, in mehrfacher Hinsicht die Grenzen zwischen Film und Theater, Zuschauer und Akteur, Konsument und Produzent zu überschreiten. Wir rühren in der Ursuppe von Theater und Kino und haben hierzu als zentrale Koordinaten und Programmpunkte Sprache, Position, Zeit, Bühne, Fiktion, Schnitt sowie Objektiv gewählt.

FRONTIER, das ist die gemeinsame Grenze von Film und Theater, die durch die Bühnenkante, die Leinwand und die Position des Betrachters definiert wird. FRONTIER ist, als Veranstaltungsreihe, ein angebotenes Experimentierfeld für Besucher und Veranstalter, um die wechselseitigen Durchdringungen dieser Grenze zu erkunden.

Programm 2: BÜHNE
Sowohl Bühne als auch Film schließen aus wofür sie existieren: den Betrachter. Sie trennen sich von ihm ab, durch die Leinwand, die Bühnenkante, den Blick. Die Kamera zwingt zwar die Augen des Zuschauers an die Stelle jener des Regisseurs und denkt den Adressaten auf diese
Weise mit, doch wie auf der Bühne - die wir ja eventuell sogar umrunden oder durchqueren könnten, ist die Handlung auch dort durch eine architektonische Konstruktion weggeschlossen. Versuchen Theater oder Kino dieses Verlies aufzubrechen begeben sie sich auf ein Himmelfahrtskommando und sägen am Ast auf dem sie sitzen. Zu ihrem eigenen Wohl immerhin!
Wir zeigen 2 Filmikonen, die dies exemplarisch hervorragend vermögen.

Dionysus in ‘69
Performance Group / Schechner
USA 1965, Brian de Palma, 85 min, OF

Wir sind in den 60ern, einen Monat vor Woodstock und eine Nacht nach der Ermordung John F. Kennedys.
DIONYSUS ist ein Stück der »Performance Group« aus New York, inszeniert und produziert von Richard Schechner, daß frei auf »Die Bakchen« von Euripides (480 -406) basiert. Diese griechische Tragödie ist die einzig erhaltene, bei der Dionysus, der Gott des Theaters und sein Orgienkult im Mittelpunkt steht.
Schechners avantgardistisches Theater hat in der Aufführung versucht, das starre Zuschauer-Schauspieler-Verhältnis zu brechen. Die »Performance Group« reduzierte die Illusion des Theaters, indem sie eine Interaktivität mit den Zuschauern herzustellen versuchte. Es gab keine Sitze, das Publikum saß auf dem Boden, auf Leitern und sonstigen Konstruktionen; auch eine eigentliche Bühne war nicht erkennbar: das Theater spielte im Hier und Jetzt, die Zuschauer befanden sich mitten in der Performance. Die Truppe ging noch weiter. Wie die Weigel in Brechts »Mutter Courage« verwischen sie die Trennung zwischen der Person und der dargestellten Person. So nennt sich Dionysus zwar Gott, doch gleichzeitig sagt er auch: »ich bin William Finley, aufgewachsen in einem katholischen Umfeld«.
Im Spiel wurde zudem die gewohnte Distanzierung des Publikums durchbrochen. Vor allem zwei Szenen enthielten Liebkosungen und Berührungen, was mit der Zeit immer schwieriger zu kontrollieren war. Die eigentliche Idee der Szene ging verloren...
Brian de Palmas DIONYSUS ist einerseits eine Dokumentation der Aufführung; durch den filmtypischen Einsatz von Kamera und Schnitt gewinnt diese Aufnahme jedoch eine eigene Qualität und überschreitet ihrerseits die Grenze zwischen Film und Theater.

Opening Night
USA 1977, John Cassavetes, 147 min, OmU

Method acting als Thema: OPENING NIGHT ist ein Film über Grenzüberschreitungen. Die vom Theater etablierten Grenzen und fürs Funktionieren des Theaters in seiner klassischen Form essenziellen Differenzen werden hier immerzu außer Kraft gesetzt. Das Drama hinter der Bühne dringt in den Bühnenraum ein und führt zu eigentümlichen Ununterscheidbarkeiten zwischen der Fiktion des Stücks und dem realen Drama, das die Schauspieler im wirklichen Leben ausfechten. Fast nie lässt sich eindeutig sagen, ob die Dialoge und Szenen, die man auf der Bühne sieht, vom Stück vorgesehen oder von den Darstellern gerade improvisiert sind. Die in den ersten Einstellungen scheinbar klare Aufteilung zwischen Bühne, Theaterraum, Hinterbühne und Außenwelt löst sich zusehends auf.
New Haven ist amerikanische Theaterprovinz. Eine der Städte, in denen Inszenierungen, die zum Broadway wollen, sich aufwärmen, in denen vor Publikum geübt und ausprobiert wird, wie das Stück und die Aufführungsideen ankommen. Diese Form des Vorspiels lässt Freiraum für Experimente und auch dazu, Schwächen zu entdecken und auszubügeln. Nicht vorgesehen ist freilich die anhaltende Revisionsarbeit, die der Bühnenstar Myrtle Gordon (Gena Rowlands) sich leistet. Myrtle kommt mit ihrer Hauptrolle im neuen Stück »Second Woman« der erfolgreichen Dramatikerin Sarah Goode (Joan Blondell) nicht zu Rande und treibt mit ihrem Widerstand gegen das Porträt einer alternden Frau sich selbst in den Alkoholismus und alle Beteiligten in den Wahnsinn.
Cassavetes schafft sich die Situation für das Dokumentarische, dessen »Inszenierung« dazugehört: »Wir haben mit einem >echten< Publikum gedreht, mit 2000 eingeladenen Leuten, denen wir sagten, daß sie alles tun sollten, wozu sie Lust haben: buhen, lachen, rausgehen, klatschen.« So kommt eine einzigartige Korrespondenz zwischen Bühne und Zuschauerraum zustande eine Art von method acting von 2000 Leuten, das von der Kamera im Stil des cinema verite registriert wird, wobei das Spiel auf der Bühne oft teilweise abgedeckt wird durch die unscharfen Umrisse von Köpfen im Parkett.

Lief zuletzt im Dezember 2008