Cinémathèque Leipzig - Archiv

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Das Archiv

zeigt alle Filme an, die seit 1998 im Programm der Cinémathèque Leipzig (vormals AG Kommunales Kino) zu sehen waren.

Möglich ist die Suche nach Film- oder Reihentitel.

Rechercheanfragen können uns gern auch per Email erreichen.

Wir bitten um Beachtung des Umstands, dass wir die gelisteten Filme nicht im Besitz haben und demzufolge auch nicht verleihen können.

 

 

Frontier / split-screen Frontier / split-screen
  • Mi 26.11. 20:00
    Skala

Frontier / split-screenUrsonate, Why should i buy a bed ..., 20. September sowie Kinetta

Frontier 2008

D, BRD, Griechenland 1931-2005, 185 min, Regie: diverse

FRONTIER - eine Veranstaltungsreihe in Zusammenarbeit mit der Skala Leipzig
Konzeption: Sven Wörner
Mit SPLIT-SCREEN beginnt ein ungefähr 14-tägiger, thematischer Filmabend als Teil der Reihe FRONTIER in der Skala, der sich elliptisch von Film zu Bühne und zurück bewegt. Wir rühren in der Ursuppe von Theater und Kino und haben hierzu als zentrale Koordinaten und Programmpunkte Sprache, Position, Zeit, Bühne, Fiktion, Schnitt sowie Objektiv gewählt.
Gewürzt wird gemeinsam, doziert wird nicht, wie der Abend verläuft bestimmen die Anwesenden.
Programm 2 wird in der Mitte des Dezember folgen.

Programm 1
Sprache

Eine, vielmehr jede Geschichte entsteht durch die Okkupation der Erzählung durch den Betrachter. Handlung entwickelt sich durch den Sinnüberschuß der Sprache – nicht nur der lyrischen Sprache, sondern jener der offenen Bedeutungsräume, des nicht-mit-Worten Ausdrückbaren – als Widerstreit konkreter Möglichkeiten.

die Filme im Einzelnen:

Ursonate
Fassung von 1931, Kurt Schwitters
Der Dadaist Schwitters entwarf diesen wunderbaren Nonsense-Text (hier in der von Jan Tschischold ausgeführten Typographie) in korrekter Form einer Sonate und hatte vor, die Partitur als filmartigen Streifen zu produzieren, der "das Fortlaufen der Zeit betonen soll". Obwohl es nicht ein einziges "echtes" Wort in ihr gibt, erkennen wir im Verlauf nur durch ihre Struktur und den Akt des Vortragens vermeintlich einen Inhalt.

Why should i buy a bed when all that i want is to sleep
BRD 1999, 53 min, N. Humbert & W. Penzel, Dok, OmeU
Der US-amerikanische Poet Robert Lax (1915-2000) führte ein bewegtes Leben: Als Sohn jüdischer Einwanderer in New York geboren, konvertierte er zum Katholizismus, schloss sich einem Wanderzirkus an, schrieb für „The New Yorker“ und „The Times“ Artikel, verdingte sich in Hollywood als Drehbuchautor („Siren of Atlantis“, ein 1949 unter der Regie von Gregg C. Tallas gedrehter Dschungelfilm) und veröffentlichte unzählige Gedichte, Fabeln, Dialoge, Erzählungen und Tagebuchaufzeichnungen. Mit seinem autobiografisch gefärbten Roman „Circus of the Sun“ brachte er es zu einer gewissen Bekanntheit. Jack Kerouac und Allen Ginsberg verehrten ihn und ließen sich von seiner literarischen Ästhetik und antibürgerlichen Attitüde beeinflussen. Mit Beginn der 1960er-Jahre zog sich Lax weitgehend von der Öffentlichkeit zurück und ließ sich in Griechenland nieder; zunächst auf Lesbos, dann auf Kalymnos, schließlich auf Patmos. Hier besuchten ihn seit 1993 regelmäßig die deutschen Filmemacher Nicolas Humbert und Werner Penzel („Step across the Border“, 1989). ...
Es handelt sich um keinen Dokumentarfilm im herkömmlichen Sinne, erst recht nicht um eine Reportage oder ein Künstlerporträt. Erklärungen zu den biografischen Hintergründen des Künstlers, seiner kulturhistorischen Bedeutung oder aktuellen Situation während der Dreharbeiten werden konsequent ausgespart. Stattdessen stehen seine minimalistischen Texte und seine archaische Umgebung im Mittelpunkt. Die Kamera dient nicht als Vehikel journalistischer Illustration, sondern als Medium zwischen dem greisen Lyriker, den Filmemachern und den Zuschauern. In den schönsten Momenten des Films wird sie zum verlängerten Schreibgerät von Robert Lax, schafft Schwingungsräume, die seiner Sprache verwandt sind und mit ihr oszillieren. ...
Die Filmemacher nennen ihre Erinnerung an Lax einen „chamber film“ - sie meditieren damit in der kleinen, konzentrierten Form einer Kammermusik, ohne dafür einen Soundtrack zu benötigen. Jedes Element - sämtliche Geräusche, Bewegungen, Lichtstimmungen und Texte - werden Teil ihrer filmischen Partitur. Dieses Verfahren ist damit dem ihres wegweisenden filmischen Essays über den Gitarristen Fred Frith verwandt, wenn auch der Rhythmus von „Why shohld I buy a bed ...“ kaum unterschiedlicher als der von „Step across the Border“ sein könnte. Lax beschreibt im Film seine Arbeit am Text wie folgt: „Lass die Gedichte wachsen wie Bäume und Pflanzen, versuche nicht, nach ihnen zu graben. Es ist wie mit den Träumen: Sie kommen von ganz allein - ob du willst oder nicht - sie kommen einfach und meistens haben sie ihre Bedeutung.“ Humbert/Penzel entwickeln eine ganz ähnliche, dem Traum verwandte Dynamik. Sie hinterlassen ihrem Kollegen und Freund Robert Lax damit einen würdigen Epitaph, der auch auf dessen weitgehend vergessenes literarisches Werk fokussiert. Claus Löser, film-dienst 18/2006

20. September
BRD 1967, 7 min, Kurt Kren, stumm
Ein riskant vulgärer Film. Direkte, fast melodische Verbindungen zwischen Aufnahmen von Speis und Trank (durch Günter Brus) und Ausscheidung derselben - hinunter vielleicht auf den tristen österreichischen Hinterhof. Ein Pendant auch zu Krens 5/62: Fenstergucker, Abfall, etc., in dem Blicke hinaus, nach unten mit zerbrochenen Scherben und weggeworfenen Konsumgütern konterkariert wurden. Schmidt jr. meinte: "Der Schock bei Besichtigung dieses Films ist heute ebenso groß wie zur Entstehungszeit des Werks." (Claus Philipp)
Eine Demonstration des menschlichen Stoffwechsels in mehreren “Sitzungen”, ersonnen bei einem Gespräch zwischen Kren, Brus und Schwarzkogler.
Kurt Kren filmte etwa am 20. September 1967, wie der Wiener Aktionist Günter Brus isst und trinkt und wie er dann, so muss man es wohl sagen: pisst und kackt.
Kren zeigt die Brus’sche Darmproduktion in Großaufnahme dank Schnitt und Wiederholung öfter und länger, als es für rein dokumentarische Zwecke nötig wäre. Er gibt so zu erkennen, dass er auf Etikette buchstäblich scheißt in einer Österreichischen Republik, die weniger als ein Jahr später ihre Bigotterie und Unerbittlichkeit unter Beweis stellen sollte. Denn 1968 agierte Brus zusammen mit Otto Mühl in einem Hörsaal der Wiener Universität vor Publikum ganz ähnlich, nur dass er dazu noch onanierte und die österreichische Nationalhymne pfiff - was ihm strafrechtliche Verfolgung und sechs Monate Zuchthaus einbrachte.

Kinetta
Griechenland 2005, 95 min, Yorgos Lanthimos, OmeU, deutsche Erstaufführung
Kinetta ist außerhalb der Saison ein menschenleerer Ferienort, in dem vor allem Wanderarbeiter leben. Ein Polizist in Zivil mit einem Faible für Autos, Tonbandgeräte und russische Frauen untersucht eine Reihe von Morden, die vor kurzem in der Gegend verübt wurden. Dabei nimmt er die Hilfe eines Fotohändlers in Anspruch, eines jungen Einzelgängers, der gelegentlich Videofilme in privatem Auftrag dreht. Dritte im Bund ist ein Zimmermädchen mit schauspielerischen Ambitionen, das die Rolle der weiblichen Opfer spielen soll. Dieses seltsame Trio stellt, angeleitet von dem Polizisten, nacheinander die Morde nach - mit Hingabe ans Detail und fragwürdigem kriminalistischem Nutzen. "Diese Beschreibung lässt vermuten, bei Kinetta handele es sich um einen etwas perversen Film. Stattdessen ist er geprägt von steinerner Stille, sparsamen Dialogen, wenig Musik und liefert keine greifbaren Schlussfolgerungen. Andererseits ist der Film auch spröde, mysteriös, dunkel, erstaunlich und sehr berührend. Stellenweise scheint er von überhaupt nichts zu handeln, dann wieder geht es um sehr viel gleichzeitig. Genau das hatte Lanthimos beabsichtigt: Sein Film sollte so viele verschiedene Dinge in sich vereinen wie nur möglich." Michael Leo, Forum des jungen Films/Berlinale 2006
Yorgos Lanthimos, geb. 1973 in Athen. Studium der Film- und Fernsehregie an der Film-Schule Stavrokas. In den 90er Jahren Videofilme für griechische Tanzcompagnien, zahlreiche Werbeclips, Musikvideos und Kurzfilme. Inszenierung experimenteller Theaterstücke. "Kinetta" ist sein Spielfilm-Debüt.

Lief zuletzt im November 2008