Cinémathèque Leipzig - Archiv

<< Dezember 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 heute morgen 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 >>
ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ

Das Archiv

zeigt alle Filme an, die seit 1998 im Programm der Cinémathèque Leipzig (vormals AG Kommunales Kino) zu sehen waren.

Möglich ist die Suche nach Film- oder Reihentitel.

Rechercheanfragen können uns gern auch per Email erreichen.

Wir bitten um Beachtung des Umstands, dass wir die gelisteten Filme nicht im Besitz haben und demzufolge auch nicht verleihen können.

 

 

Peter Kubelka - Film als Ereignis, Film als Sprache, Denken als Film Peter Kubelka - Film als Ereignis, Film als Sprache, Denken als Film
  • Fr 31.10. 20:00
    Skala

Peter Kubelka - Film als Ereignis, Film als Sprache, Denken als Film

Frontier 2008

Österreich 2002, 173 min, Regie: Peter Kubelka

FRONTIER - eine Veranstaltungsreihe in Zusammenarbeit mit der Skala Leipzig

Die Meinung des Steinzeitmenschen zum Film, Bildstrich als Bühnenkante, die Notwendigkeit eines Löffels beim Filmschnitt und das Verhältnis von Filmlänge zur Länge des Verdauungstracktes - diese und andere elementare Fragen sind Gegenstand einer der legendären lectures von Peter Kubelka.

Peter Kubelka gilt unbestritten als einer der bedeutensten Künstler der Filmgeschichte. Zu seinem künstlerischen Schaffen rechnet Kubelka jedoch ebenso seine legendären Vorträge, mit denen er seit den späten 1960er Jahren weltweit Generationen von Menschen fasziniert, junge angehende Kunstschaffende beeinflusst, kritische Zeitgenossen motiviert hat.
Dennoch existieren bislang keine Aufzeichnungen solcher Lectures, da Kubelka dem Medium Video äußerst kritisch gegenüber stand. Erst die Technologie der DVD bietet ihm geeigne technische Möglichkeiten für die Transformation eines seiner Voträge in ein anderes Medium. Die 173 Minuten dieser DVD gewähren Zutritt zum Denkkosmos eines der eigenwilligsten Persönlichkeiten der Gegenwart.
Der Votrag von Peter Kubelka "Film als Ereignis, Film als Sprache, Denken als Film" fand am 10. November 2002 im Rahmen des Internationalen Symposiums FILM/DENKEN statt, einer gemeinsamen Veranstaltung von SYNEMA - Gesellschaft für Institut und Medien, dem Institut für Wissenschaft und Kunst (IWK) und dem Institut für Philosophie der Universität Wien.

"Daß Film auch eine Kunstform sein kann, droht mehr und mehr in Vergessenheit zu geraten in einer Zeit, in der Filmförderung nur noch als Wirtschaftsförderung begriffen wird. Für die radikalste denkbare Gegenposition zu dem, was er als „Industriefilm" bezeichnet und was heute mit „Film" oder „Kino" gleichgesetzt zu werden pflegt, steht der vor 70 Jahren in Wien geborene Peter Kubelka mit seinem Oeuvre – einem Oeuvre, das zwischen 1955 und 1977 entstand und es auf eine Gesamtlänge von nicht einmal 50 Minuten bringt; letztes Jahr kam mit Dichtung und Wahrheit noch ein Nachzügler hinzu.

Kubelka, der 1952 aus Österreich an die Filmhochschule nach Rom flüchtete und in den sechziger Jahren Anschluß an die New Yorker Film-Avantgarde fand, dort auch 1970 die Anthology Film Archives mitbegründete, steht für den Autorenfilm in seiner konsequentesten Form. Für ihn muß es eine Personalunion von Kameramann, Autor, Cutter, Tongestalter usw. geben, damit ein überzeugend durchgestaltetes Produkt entstehen kann, dieses nicht schon im Ansatz in den Verstrickungen der Arbeitsteilung unter Fachidioten scheitert. Kubelka verweist in diesem Zusammenhang gerne darauf, daß noch nie ein überzeugendes Gedicht als Gemeinschaftsarbeit geschrieben wurde. Den Film sieht er noch immer in einer kommerziellen Fesselung, der andere Künste inzwischen entkommen sind: „Das Kino wiederholte und wiederholt noch immer diesen Zustand der Sklaverei, den die Malerei längst überwunden hat."

Unter widrigen Umständen sind Kubelkas frühe Filme großteils entstanden: So nutzte er den Auftrag, einen Werbefilm für die Schwechater Brauerei zu drehen, um die Aufnahmen biertrinkender Menschen in einer Bar in eine experimentelle Verdichtung zu bringen, die die Brauerei dann ablehnen mußte. Genausowenig zufriedengestellt wurden die Auftraggeber, die Kubelka 1961 auf eine „Afrikareise" mitnahmen, damit dieser deren Jagdabenteuer dokumentieren möge. Mit Arnulf Rainer (1960), einem Film, der nur aus schwarzen und weißen Bildern, Stille und Rauschen besteht, hatte er das Medium zuvor auf einem Nullpunkt konzentriert.

„Wer nichts ändern will am Status quo, soll kein Künstler werden", ist Peter Kubelka überzeugt. Damit ist aber kein politisches Engagement im geläufigen Sinne bezeichnet. Kubelkas Unzufriedenheit speist sich vielmehr aus Antrieben, die man als kulturpessimistisch bezeichnen könnte. Zum Künstler sei er geworden, weil ihm das Essen nicht mehr geschmeckt habe. Überhaupt spielt das Kochen, die älteste und elementarste Kunstform, für ihn eine entscheidende Rolle; bis 1999 leitete er an der Städelschule in Frankfurt eine „Klasse für Film und Kochen als Kunstgattung". Im Wien der fünfziger Jahre will er Wirte gekannt haben, deren Kochkunst er auf eine Stufe mit Künstlern wie Picasso stellt. Doch das ist Vergangenheit, und Kubelka kämpft auch in der Gastronomie gegen die Industrie und ihre schädlichen Produkte.

Während sein Film Denkmal für die alte Welt noch immer als „work in progress" geführt wird, hat Kubelka sich mehr und mehr anderen Gebieten, auch der Musik zugewandt. In der Öffentlichkeit ist er aber in den letzten Jahren hauptsächlich mit seinen Vorträgen in Erscheinung getreten, mit weit ausgreifenden tours d'horizon, in denen Filmtheorie und Kochen, Erkenntnistheorie und Kulturkritik kurzgeschlossen werden. Einer dieser Vorträge wurde nun endlich auf einer DVD festgehalten ­ im Österreichischen Filmmuseum in Wien, wo Kubelka sein Ideal eines „unsichtbaren" Kinos realisieren konnte: Der Zuschauer sitzt in dem schwarzen Saal gleichsam im Kopf des Filmemachers."
Florian Neuner

es laufen zudem:

ARNULF RAINER / Ö 1960, 6:00 min
Ein Virtuoso der filmischen Reduktion, ein ausschließlich aus schwarzem und weißem Licht, aus weißem Rauschen (Ton) und Stille (Nicht-Ton) gemachter Actionfilm, der dem Betrachter -
sachlich fast - die elementaren Bausteine des Films um die Ohren schlägt.

UNSERE AFRIKAREISE / Ö 1966, 13:00 min
Obwohl Kubelkas Hang zur Subversion bekannt war, beauftragte ihn eine Reisegruppe, ihre Afrikasafari zu dokumentieren. Kubelka arbeitete fünf Jahre lang an der unglaublich exakten Bild- und Tonmontage von "Unsere Afrikareise". Der Film stellt seine Geldgeber als wichtigtuerische, geistlose und grausame Eindringlinge bloß und zeigt dagegen deutliche Sympathien für die afrikanischen Stammesangehörigen und die heimische Tierwelt. Anders als in "Mosaik im Vertrauen" ist das Gesprochene hier nicht lippensynchron.
Jeder Augenblick ist, in Kubelkas Worten, ein "Synchronereignis", entstanden aus dem Zusammenprall von Bildern und Tönen, die während der Safari aufgenommen wurden. (Adam Sitney)

SCHWECHATER / Ö 1958, 1:00 min
Cinema is not movement. Cinema is the projection of stills. Peter Kubelka

In Schwechater dient dieses ästhetische Credo als Kern der gesamten formalen Konstruktion.
Zutiefst ist der visuelle Eindruck, den der Film hinterläßt, vom Charakter des Momenthaften
des einzelnen Kaders durchtränkt. Der objektiv vorhandene Zeitverlauf wird in der schleifenförmigen
Wiederholung aller Bewegungen aufgehoben: Schwechater macht das Rasen der Zeit im Moment sichtbar.
Peter Tscherkassky

Kubelka konstruierte in Schwechater, gegen alle Sachzwänge, ein semi-abstraktes Gedicht für Seh- und
Hörsinn, einen genau kontrollierten Bilderserientanz, zugleich ein Traktat über die ungeheuerlichen
Möglichkeiten des Kinos. Stefan Grissemann

Archäologe der Sinne
Ohne Übertreibung kann Peter Kubelka als einer der wichtigsten Protagonisten des internationalen Avantgardefilms bezeichnet werden. Seine seit Mitte der 1950er Jahre entstandenen, gerade mal sieben Filme, von denen keiner eine Länge von 16 Minuten überschreitet, haben in ihrer Radikalität und medienspezifischen Reflexivität wesentliche Impulse gesetzt und gelten bis heute als Meilensteine der Filmgeschichte.
Am Beginn stehen die sogenannten metrischen Arbeiten, von denen bereits die in schwarzweiß gehaltene, repetitive Abfolge grob umrissener, tanzender Figuren in "Adebar" (1957) immense formale Reduktionen aufweist. In "Schwechater" (1958) steigert Kubelka diese Vorgehensweise, indem er mit dem einzelnen Kader operiert, das Resultat davon ist eine visuelle wie akustische Reizüberflutung von nahezu halluzinatorischer Qualität. Die Abstraktion kulminiert schließlich in der gänzlichen "Eliminierung des Bildes" (Amos Vogel) in Form der Lichtkomposition "Arnulf Rainer" (1960), die aus dem komponierten Wechsel von Schwarz- und Weißbild besteht, während sich die Tonspur aus Rauschfragmenten zusammensetzt.
Diese Filme sollten Kubelka bald in den USA bekannt machen und Persönlichkeiten wie Stan Brakhage oder Jonas Mekas nahebringen, deren reger Austausch etwa auch die Gründung der New Yorker "Film-Makers' Co-operative" beeinflusste. Nach diesen ersten Filmen markiert "Unsere Afrikareise" (1961-66) einen Wendepunkt im Schaffen Kubelkas; zwar handelt es sich nach wie vor um eine höchst akribische, einer Partitur folgenden Montage, bei der dem Bild-Ton-Verhältnis enorme Wichtigkeit zukommt, gleichzeitig weist der Film aber auch dokumentarische Züge auf, die in ihrer brutalen Entblößung und Anklage von seltener Kraft sind. In diese Zeit datiert ebenso die gerne auch selbst zitierte Entspezialisierung Kubelkas, durch die er beginnt, sich verstärkt kulturhistorischen, evolutionsbedingten und philosophischen Fragestellungen - kurz den großen Zusammenhängen der Welt - zu widmen, was sich auch in der für ihn so elementaren Praxis des Kochens widerspiegelt, die er in seine über Jahrzehnte gehaltenen, oft unkonventionellen Vorträge immer wieder gerne integriert.
Eine dieser legendären Lectures wird nun einem größeren Publikum zugänglich gemacht, welches somit dieses regelrecht theatrale Ereignis nahezu ungeschnitten mitverfolgen und ebenso erleben kann, wie der Hauptdarsteller etwa Formen von noch heute erhältlichem Brot als archaisch erklärt, chinesische Schriftzeichen erläutert oder auch mal eine Filmrolle durch die Zuschauerreihen reicht. Und letztendlich haben all diese, mitunter bis zu den Anfängen menschlicher Zivilisation zurückreichenden Beobachtungen, sowie natürlich die eigenen Arbeiten (von denen die oben erwähnten quasi in Echtzeit festgehalten sind) immer auch mit dem Kino und dem Film zu tun, denn dieser, so Kubelka, bestimmt unser Denken fundamental. Um dies zu demonstrieren, fungiert das von Kubelka konzipierte "Unsichtbare Kino" des österreichischen Filmmuseums, dessen Mitbegründer und langjähriger Kurator er war, als der wohl passendste Austragungsort für diese spannende Expedition in den Kopf des Filmemachers.
Naoko Kaltschmidt

Lief zuletzt im Oktober 2008