Cinémathèque Leipzig - Archiv

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Das Archiv

zeigt alle Filme an, die seit 1998 im Programm der Cinémathèque Leipzig (vormals AG Kommunales Kino) zu sehen waren.

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Rechercheanfragen können uns gern auch per Email erreichen.

Wir bitten um Beachtung des Umstands, dass wir die gelisteten Filme nicht im Besitz haben und demzufolge auch nicht verleihen können.

 

 

Ein ganz gewöhnlicher Jude
  • 9.03.2006
    die naTo
  • 9.03.2006
    die naTo
  • 12.03.2006
    die naTo
  • 12.03.2006
    die naTo
  • 13.03.2006
    die naTo
  • 13.03.2006
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  • 14.03.2006
    die naTo
  • 14.03.2006
    die naTo

Ein ganz gewöhnlicher Jude

BRD 2005, 93 min, Regie: Oliver Hirschbiegel
mit Ben Becker, Siegfried Kernen, Samuel Finzi

Ein großes Solo für Ben Becker, als Journalist Emanuel Goldfarb, in einem virtuosen Monolog, in dem er über sein Leben als Jude in Deutschland nachdenkt.
Eingeladen, vor Schülern im Sozialkundeunterricht davon zu erzählen, will Goldfarb ablehnen, aber die kreisenden Gedanken lassen sich nicht abblocken. Aufkommende Erinnerungen und Assoziationen zwingen ihn, "das geschmacklose Thema" anzugehen. Vor der Kugelkopfschreibmaschine, beim Rotwein, in der Küche, an der Espresso-Maschine (man fragt sich hier zu Recht, warum steht Becker in solch einer überdesignten Wohnung - was wollte Produktionsdesigner Bussmann uns damit sagen - und warum kann Becker/Goldfarb seine Espresso-Maschine nicht bedienen?), im Keller und mit Diktafon und Gebetsriemen in der Hand sammelt sich in Goldfarbs Kopf alles, was er verdrängt und bewältigt glaubte.
So rauscht ein Strom von Gedanken durch Goldfarbs Bewusstsein, der assoziativ ungebremst von der Familiengeschichte zur Politik Israels, von Traditionen zur gescheiterten Ehe, von Macken jüdischer Mütter zum eigenen Selbstmordversuch, vom Gelobten Land zur Verachtung für "Weltverbesserungsmusikanten" führt. Alles und jedes wird angerissen, einiges beleuchtet, anderes gestreift, wieder anderes belächelt oder ironisiert. Sensibel und zynisch zugleich kommentiert er "Geschichte, die jüdische Krankheit", zitiert Heinrich Heine ("Das Judentum ist keine Religion, es ist ein Unglück.") und wehrt sich gegen "Moralkeule" und "Betroffenheitszuschlag".
Das Kammerspiel nach dem Buch des Schweizers Charles Lewinsky gehört des Monologs wegen eigentlich aufs Theater, aber da Becker den Juden Goldfarb in einer Mischung aus Trotz, Wut und Dampfablassen, Innenschau und Rundumschlag zum Stand der Dinge virtuos verkörpert und Hirschbiegel die Enge des Raumes szenisch durch raschen Perspektivenwechsel auflockert, ist filmischen Ansprüchen genug getan. Fürs Kino eine Bereicherung (wenn wir Zuschauer uns den Luxus genehmigen, die ersten und letzten 10 Minuten, vor allem diese, des Films zu behandeln "als wären sie nicht geschehen").

Lief zuletzt im Mrz 2006