Cinémathèque Leipzig - Archiv

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Das Archiv

zeigt alle Filme an, die seit 1998 im Programm der Cinémathèque Leipzig (vormals AG Kommunales Kino) zu sehen waren.

Möglich ist die Suche nach Film- oder Reihentitel.

Rechercheanfragen können uns gern auch per Email erreichen.

Wir bitten um Beachtung des Umstands, dass wir die gelisteten Filme nicht im Besitz haben und demzufolge auch nicht verleihen können.

 

 

Inzwischen - Im Experimentalfilm Inzwischen - Im Experimentalfilm
  • Mi 22.02. 22:00
    die naTo

Inzwischen - Im Experimentalfilm

Österreich/Deutschland , 100 min, Regie: Kurzfilmprogramm, ca. 100 min, Zusammengestellt von Axel Töpfer

Inzwischen
im Experimentalfilm

Das Programm bilden österreichische Experimentalfilme, die sich jeweils
verschieden durch die Formulierung eines möglichen
Zwischenraums im Film auszeichnen. Dabei ist das Experimentelle im
Bezug auf den Umgang mit dem Material Film hier vielleicht der Versuch,
Strategien zu entwickeln, die einen Rückschluss auf die Herkunft
des Materials nichtig werden lassen und so den Blick eines Betrachters
auf eine Bewegung zu konzentrieren, die nur hier so ablaufen kann: im Kino.

ARNULF RAINER
Peter Kubelka, 1960 , 6 min
Ein Virtuoso der filmischen Reduktion, ein ausschließlich aus schwarzem
und weißem Licht, aus weißem Rauschen (Ton) und Stille (Nicht-Ton)
gemachter Actionfilm, der dem Betrachter -
sachlich fast - die elementaren Bausteine des Films um die Ohren
schlägt. (Stefan Grissemann)

LA SORTIE
Siegfried A. Fruhauf, 1998, 6 min
Der erste Film der Kinogeschichte zeigt Arbeiter beim Verlassen einer
Fabrik: La Sortie des Ouvriers de l´Usine heißt dieses 50-sekündige
Werk, das uns die Lumières in drei Fassungen hinterlassen haben.
In Hardware und Software
der Maschine "Kino" steckt vieles vom spezifisch mechanischen Charme
des industriellen Zeitalters. Insofern ist es paradox, daß die Lumières
die Filmgeschichte ausgerechnet mit dem Verlassen der Fabrik beginnen
ließen, anstatt Werktätigen am Fließband diese Ehre zuteil werden zu
lassen. Gut 100 Jahre später fabriziert Siegfried A. Fruhauf eine
vierte Version von La Sortie des Ouvriers de l´Usine. Dieses Remake
räumt mit der unfreiwilligen Ironie des Lumière-Films gründlich auf.
Sechs Minuten braucht Fruhauf, um das aktuelle Schicksal der Industrie
zu Film gerinnen
zu lassen. Vierzehn Arbeiter und Arbeiterinnen sind es hier - fünf auf
der (optischen) Längsachse, der Rest quert im Hintergrund - , deren
Bewegungen die Form des Kreuzes nachzeichnen: das Todessymbol als
Ballet mécanique.

Das Ausgangsbild wird in nahezu abstrakte, schwarz-weiße Flächen
transformiert, sysiphusgleich eingespannt in einen irrwitzigen Tanz der
Wiederholungen. Sukzessive beschleunigt Fruhauf die Bewegung der
Schreitenden, bis hin zum Rasen: Die Kapazität des Filmstreifens wird
bis an seine
physikalische Grenze ausgelotet: "Bis es nicht mehr geht." Maximale
Akzeleration bringt Stillstand:
Nach der Beschleunigung des gesamten Bewegungsablaufs auf zwei Kader
folgt konsequent der letzte Kader - das Freeze Frame. Nichts geht mehr.
Das Modell des (wörtlich genommenen) Fort-Schritts kollabiert. An
seiner Statt: Paralyse; Dead End. Die Arbeiter stehen still. Mit ihnen
die Fabrik.
Rien ne va plus. Peter Tscherkassky

AIM
Björn Kämmerer, Karoline Meiberger, 2004, 2,5 min
Found-Footage-Arbeit, die Westernszenen bis zur Unlesbarkeit angelegter Handlungsstrukturen verfremdet, um dafür die Kamera selbst als neue Protagonistin zu etablieren. (diagonale graz ´05)

Der filmische Topos der unverwundbaren "good guys" wird von Kämmerer/Meiberger mit kühlem Gestus re-inszeniert. Ihre Found-Footage-Montage lenkt den Blick auf die kleinsten Bedeutungseinheiten eines Shoot-outs: das Anlegen des Gewehrs, das Auge über der Kimme, den Finger am Abzug und den kurzatmig ausgestoßenen Rauch aus der Waffe. Dass die Synchronität der Gegner immer weiter auseinander driftet, zeugt von trockenstem Humor. (mz)

FILM IST GEFÜHL UND LEIDENSCHAFT
Gustav Deutsch, 15 min, 2002
aus: Gustav Deutsch FILM IST. (7-12)
Eine Frau tritt anfangs aus dem Dunkel ins Licht, blickt ängstlich,
nachtblau getönt, in ein unwägbares Außen. Was folgt, kommt Schlag auf
Schlag, motivisch assoziiert: Es gibt Slapstick (dicke Männer, fall
guys) und "Pikantes" (Damen in Umkleideräumen), Melodramatisches und
Aufwühlendes, Albernes und Destruktives. Film ist. (7-12): eine
Bewegungsbilder-Sammlung aus den ersten drei Dekaden des (noch stummen)
Mediums: Film ist, nach Gustav Deutsch, unüberschaubar vieles; ein
Katalog dessen, was das Kino sein kann, ist daher immer, notgedrungen,
offen.

Die Schauspieler/Artisten wagen einen cliffhanger nach dem andern, an
den Fassaden der Hochhäuser hängend, auf Leitern in den Himmel
steigend. Tausend Möglichkeiten, photogen auszurutschen, lotet das
frühe Kino aus, man hat den Eindruck: bis ins letzte. Spätestens 1925
sind alle Tricks und Wege verbraucht, vor der Kamera innovativ
abzugleiten und zu fallen; seither beruhigt sich das Kino wieder,
variiert seine etablierten Gangarten und Sturzweisen, bewegt sich von
der Physis zur Psyche zurück. Wiedergänger, Untote sind in Deutschs
gefundenen Bildern aktiv: Das junge Kino reproduziert tonlos, was sich
an Leben einst in seinen Blick gewagt hat, gibt als bloßen Lichtreflex,
verblichen wieder, was ihm einmal lebendig erschien. Eine unbändige
Liebe zum Material des Kinos, zur angreifbaren, angegriffenen
Filmmaterie ist Deutschs Kompilation anzusehen. Seine Bilder sind
liebevoll getönt, zerkratzt oder vernebelt, gestochen scharf oder
abenteuerlich patiniert: Der Reiz, den man am instabilen Rohstoff des
Kinos finden mag, ist so vielfältig (und letztlich: so unergründlich)
wie die Lust am Filmsehen selbst. (Stefan Grissemann)

INSTRUCTIONS FOR A LIGHT AND SOUND MACHINE
Peter Tscherkassky, 2005, 17 min
Instructions for a Light and Sound Machine hat einen rasch
identifizierbaren Helden. Unbedarft marschiert dieser eine Straße
entlang, bis er sich plötzlich den grausamen Launen einiger Betrachter
sowie des Filmemachers ausgeliefert sieht. Zwar wehrt er sich
heldenhaft, wird aber dennoch an den Galgen geknüpft, wo er den Filmtod
in Gestalt eines Filmrisses stirbt. Daraufhin stürzt unser Held in den
Hades, ins Reich der Schattenwesen. Hier, im Untergrund der
Kinematographie, begegnet er einer Unzahl an Instruktionen, mittels
derer im Kopierwerk sämtlichen filmischen Schattenwesen ihre Existenz
ermöglicht wird. Anders gesagt: Unser Held begegnet den Bedingungen
seiner Möglichkeit, den Bedingungen seiner eigenen Existenz als eines
filmischen Schattenwesens...
Instructions for a Light and Sound Machine ist der Versuch, einen
römischen Western in eine griechische Tragödie zu transformieren.
(Peter Tscherkassky)

PASSAGE À L'ACTE
Martin Arnold, 1993, 12 min
Vier Menschen am Frühstückstisch, eine amerikanische Familie in den
Beat des Schneidetisches gesperrt: Die kurze, pulsierende Sequenz am
Familientisch spricht im Original, unverfremdet über alles Wesentliche
hinwegtäuschend, von klassischer, trügerischer Harmonie.

Arnold demontiert dieses alltägliche Szenario durch Zerschlagung der
ursprünglichen Kontinuität. Er bleibt hängen an den blechernen
Geräuschen und den bizarren Körperbewegungen der Handelnden und läßt
diese im Gegenzug selbst hängenbleiben. Die unterschlagene,
verlorengegangene Botschaft tief unter der Haut der Familienidylle
heißt: Krieg. Der erste Schock, die erste Flucht, die Angst am Anfang
des Films: Der Junge springt vom Tisch weg, wirft krachend die Tür auf,
die im Arnoldschen Loop hängenbleibt und hämmernd den stählernen
Rhythmus vorgibt. Er muß noch einmal an den Tisch, von der maschinell
wiederholten "Sit-down"-Order des Vaters zurückgezwungen. Und am Ende,
wenn die Kids aufspringen, um endlich davonzulaufen, bleibt Arnold
wieder am Ausgang hängen, an dem infernalischen Hämmern der
aufspringenden Tür: als wäre es ganz sinnlos, überhaupt erst zu
versuchen, all das hier, den Ort der Kindheit und des doppelzüngigen
Kinos, verlassen zu wollen. (Stefan Grissemann)

Lief zuletzt im Februar 2006