Cinémathèque Leipzig - Archiv

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Das Archiv

zeigt alle Filme an, die seit 1998 im Programm der Cinémathèque Leipzig (vormals AG Kommunales Kino) zu sehen waren.

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  • 5.01.2006
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  • 6.01.2006
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  • 7.01.2006
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  • 10.01.2006
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  • 11.01.2006
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Die Hexen von SalemLes sorcières de Salem

Sartre zum 100.

DDR/Frankreich 1957, dtF, 137 min, Regie: Raymond Rouleau, Musik: Hans Eisler
mit Yves Montand, Simone Signoret, Mylène Demongeot, Jean Debucourt, Raymond Rouleau

An der Wende zum 18. Jahrhundert in Salem (Neuengland) werden einige Bewohner der Hexerei angeklagt und hingerichtet. Eine ganze Gemeinde wird vom Pfarrer eher zur Furcht vor dem Teufel als in Liebe zu Gott angehalten.

John Proctor, von seiner prüden und sittenstrengen Ehefrau zurückgewiesen, verliebt sich in die 16-jährige Magd Abigail, die nicht nur ein flüchtiges Abenteuer, sondern Besitz und Reputation will. Als Elisabeth Proctor sie aus dem Haus jagt, beschuldigt Abigail diese aus Rache der Hexerei. Proctor will das drohende Unheil von seiner Frau abwenden, gesteht den Ehebruch mit Abigail und wird nun selbst Opfer einer von Pogromstimmung und Prüderie aufgeladenen Menge.

Das Drehbuch zu diesem authentischem Fall von Hexenwahn aus dem 17. Jahrhundert schrieb Jean-Paul Sartre nach dem gleichnamigen Theaterstück von Arthur Miller.
Die Geschichte des Schauprozesses von Salem, in dem Unschuldige zu Tode verurteilt werden, wurde von Sartre deutlicher dramatisiert als in Millers Vorlage. Querbezüge zur französischen Gegenwart der 50er Jahre sind ganz offensichtlich.

Arthur Millers Bekenntnis gegen Gesinnungsschnüffelei und Denunziation

1953 schrieb der Dramatiker und Romanschriftsteller Arthur Miller das weltweit wohl populärste und wirkungsvollste Theaterstück der amerikanischen Literatur »Hexenjagd«. Schon vorher hatte er wichtige und wirkungsvolle Arbeiten veröffentlicht, die sein Können und seine politische, seine moralische Haltung deutlich machten. 1945 den Roman »Brennpunkt«, eine scharfe Anklage des Antisemitismus in den USA, 1947 das Drama »Alle meine Söhne«, welches das Kriegsgewinnler-Streben anprangerte, und 1949 das Drama »Der Tod des Handlungsreisenden«, für das er den Pulitzerpreis erhielt, eine deutliche Auseinandersetzung mit der kapitalistischen Wolfsmoral. Und auch nach 1953 setzte er die Veröffentlichung wichtiger Arbeiten fort. So 1964 »Zwischenfall in Vichy«, eine Anprangerung faschistischer Unmenschlichkeit. Zweimal wurde er - 1965 und 1967 - zum Präsidenten des Internationalen Pen-Clubs gewählt. Das wichtigste und erfolgreichste Werk blieb jedoch »Hexenjagd«, das in fast allen Ländern gespielt wurde. Bereits am 10. Februar 1954, also vor 50 Jahren , gab es die erste Aufführung in Deutschland, im Schillertheater in Berlin und danach auf ungezählten deutschen Bühnen.

Zum Thema hatte das Stück scheinbar nur ein historisches, sehr lange zurückliegendes Ereignis: die fanatischen Hexenprozesse, die im Frühjahr 1692 die kleine Stadt Salem in Massachusetts erschütterten und bis heute im Bewusstsein der meisten Amerikaner lebendig geblieben sind. Die Handlung, auf die kürzesten Formeln gebracht, war so: In Salem ertappte ein Pastor einige Mädchen dieser kleinen, puritanischen Stadt bei einem Pubertätsritual. Sie flüchten vor ihm aus Scham und aus Angst vor einer harten Strafe und erfinden die wahnsinnige Ausrede, dass sie ohne eigene Schuld vom Teufel besessen seien. Dabei beschuldigen sie bisher unbescholtene Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt, mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Das wird aufgegriffen.

Eine verheiratete Frau verliebt sich in einen ebenfalls verheirateten Siedler und begehrt ihn mit einer fast krankhaften Leidenschaft - und das in einer bigotten Umwelt. In grenzenloser Eifersucht terrorisiert sie die Nebenbuhlerin, um sie systematisch in den Wahnsinn zu treiben und als Hexe bezichtigen zu können. Der dann tatsächlich stattfindende Schauprozess endet mit Todesurteilen gegen die in Wirklichkeit unschuldigen Personen.

Millers Theaterstück konzentriert sich völlig auf die Vorgeschichte und den Verlauf der Hexenprozesse in Salem und doch mussten wohl alle Zuschauer verstehen, dass es hier um mehr ging als um eine Episode aus der Vorzeit. Noch in der Zeit der Entstehung und der ersten amerikanischen Aufführung tobten die Aktionen des »Ausschusses zur Untersuchung antiamerikanischer Haltungen«, des berüchtigten McCarthy-Ausschusses und die meisten wussten, dass Arthur Miller sich strikt geweigert hatte, vor diesem Ausschuss über seine Verbindungen mit linken Organisationen auszusagen. Und er meinte sicher auch ähnliche Aktionen in anderen Ländern, in denen die Unbeweisbarkeit angeblicher »Verbrechen« durch dreiste Gesinnungsschnüffelei und Denunziation überwunden werden sollte.

Ich selbst hatte Gelegenheit, Anfang 1954 eine Aufführung in der Inszenierung des großen Regisseurs Erwin Piscator zu sehen. Es war in Mannheim. Ich berichtete damals vom KPD-Verbotsprozess in Karlsruhe, war an einem Sonntag nach Mannheim gefahren - und war überzeugt: »Hexenjagd« attackierte, obwohl schon davor geschrieben, auch diesen Hexenprozess und verurteilte das skandalöse Parteiverbot.

Übrigens: Es konnte nicht ausbleiben, dass »Hexenjagd« auch verfilmt wurde - 1957, aber nicht in den USA, sondern in Europa. Das Drehbuch schrieb der Philosoph Jean Paul Sartre. Er ergänze Millers Stück um eine Szene, in der die Beschuldigten gefangen gehalten werden. In ihr spricht ein ebenfalls verurteilter Bauer einen Monolog, in dem er die Richter und die Vertreter der Kirche scharf angreift, da sie das Urteil nicht nur billigen, sondern fordern und mit unlauteren Mitteln durchsetzen. Der Film hieß »Les Sorcières des Salem« (»Die Hexen von Salem«). Gedreht wurde der Film in Babelsberg, in einer gemeinsamen Produktion der Firmen Path (Frankreich) und DEFA (DDR). Wer die heutigen Vorgänge in der Weltpolitik betrachtet, der wird mir zustimmen, dass es aktuell und enthüllend sein könnte, das Stück und den Film noch einmal zu sehen.

Lief zuletzt im Januar 2006